Kulturpolitisches Forum für Stuttgart

Institut für Kunstgeschichte an der Universität Stuttgart weiterhin in Gefahr

Posted: Freitag 10 Juli 2009 | Author: | Filed under: Artikel, Hochschulen, Kulturpolitik, Situation in den Kultureinrichtungen | Tags: , , , | No Comments »

Pressemitteilung der Kunstgeschichtsstudenten der Universität Stuttgart, 10. Juli 2009

Wir, die Studenten der Kunstgeschichte sehen das kunsthistorische Institut der Universität Stuttgart trotz des Abrückens des Rektorats vom sogenannten ‘Masterplan’ weiterhin in Gefahr. Rektor Ressel vor Studierenden: „Was in zwei Jahren hier angeboten wird, dafür kann ich nicht garantieren.“

Seit fast 150 Jahren besteht das kunsthistorische Institut an der Universität Stuttgart. Damit ist es das Drittälteste in Deutschland und das älteste geisteswissenschaftliche Institut an der Universität. Im Moment ist es besonders angreifbar, da eine der zwei Professuren seit dem Wintersemester 2008/2009 nicht besetzt und somit das Institut seit fast einem Jahr zum wiederholten Male nur kommissarisch geleitet wird.
Außerdem lassen sich die Lehrinhalte der Kunstgeschichte schwerer als bei anderen Geisteswissenschaften in ein technisch orientiertes Forschungsfeld eingliedern oder durch eine Verbindung zum Lehramt rechtfertigen. Wir sehen dieses traditionsreiche, stark mit den kulturellen Institutionen der Stadt verbundene, Institut daher in Bezug auf die weiterhin vorgesehenen Streichungen besonders bedroht.

Deshalb fordern die Studierenden den langfristigen Erhalt des Instituts in Stuttgart, die sofortige Wiederbesetzung der vakanten Stelle und die Sicherung bzw. den Ausbau einer qualitativ hochwertigen Lehre zu unterstützen. Die Studierenden der Kunstgeschichte stellen einen wesentlichen Teil der Praktikanten in den kulturellen Einrichtungen der Stadt und tragen durch ihre aktive, freiwillige Teilnahme spezielle Projekte und Veranstaltungen wie die „Lange Nacht der Museen“ mit. Durch die Kooperation mit Institutionen wie Galerien, Museen oder der Kunstakademie wirkt die kunsthistorische Lehre des Instituts direkt in die Region hinein. Denn sie setzt sich wissenschaftlich mit der Kunstlandschaft Stuttgarts auseinander. So entstand zum Beispiel der von Studenten erstellte Kunstführer „Skulpturen des 20. Jahrhunderts in Stuttgart“ im Rahmen einer Lehrveranstaltung sowie auch ein noch nicht veröffentlichte Buchprojekt über die mittelalterliche Wandmalerei zwischen Rhein, Neckar und Enz. Viele Objekte von regionaler Bedeutung, seien es Kirchen, Plastiken oder Gemälde, erfahren im Rahmen von Magisterarbeiten eine erste wissenschaftliche Bearbeitung. Nicht zu vergessen ist die Vielzahl an bedeutenden Kunsthistorikern, die das kunsthistorische Institut der Uni Stuttgart ausgebildet und hervorgebracht hat, wie z.B. Christoph Becker, den Leiter des Kunsthauses Zürich; Moritz Wullen, den Leiter der Berliner Kunstbibliothek (Stiftung Preußischer Kulturbesitz); Thorsten Rodiek, Direktor der Museen für Kunst und Kulturgeschichte der Hansestadt Lübeck; Marc Gundel, Direktor Städtische Museen Heilbronn; Ulrich Wegenast, Geschäftsführer der Film- und Medienfestival gGmbH, Stuttgart; Petra von Olschowski, Leiterin der Kunststiftung Baden-Württemberg; Claudia Emmert, Leiterin Städtische Galerie Erlangen und Heribert Sautter, Leiter Städtische Galerie Fellbach.

In der selbstverständlichen Verzahnung von universitärer Lehre und kulturellem Leben der Landeshauptstadt, liegt die Besonderheit des kunsthistorischen Standorts Stuttgart. Das findet auch Chrisitna Reusch, 23, Studentin der Kunstgeschichte (6. Fachsemester) : “Interessant sind besonders die Seminare, die in Zusammenarbeit mit Museen oder Galerien angeboten werden und die wissenschaftliche Arbeit vor Originalen ermöglichen. So habe ich z.B. einmal ein Seminar in der Graphischen Sammlung der Staatsgalerie besucht, in dem wir Zugang zu hochkarätigen Zeichnungen und Druckgraphiken hatten, die man als Museumsbesucher nicht zu sehen bekommt.” Das Institut hat außerdem eine der höchsten Gasthörerzahlen der Universität. Auch die Studenten der Natur- oder Ingenieurwissenschaften wählen gern die Kunstgeschichte zum Erwerb eines Fremdscheins und erweitern so ihren Horizont.

Obwohl die Pläne, nach denen die beiden einzigen Professuren des Instituts umgewidmet werden sollten, zwar vorerst, vom Tisch sind, besteht dennoch die Gefahr, dass das kunsthistorische Institut sukzessive ausblutet. Die Studenten möchten festhalten, dass die Lehre und Entwicklung des Institut durch die Nichtbesetzung der Stelle der Institutsleitung seit insgesamt 4 Jahren stark eingeschränkt ist. Nur durch das starke Engagement aller Beteiligten ist der Lehrbetrieb trotz gleich bleibend hoher Studierendenzahlen aufrecht zu erhalten.

Sollten sich vor der Neuausschreibung der Professur, über die im September diesen Jahres entschieden wird, die Indizien für eine Schließung des Instituts erhärten, befürchten wir, dass es nahezu unmöglich sein wird, einen namenhaften Wissenschaftler für die Institutsleitung längerfristig zu gewinnen. Welche Perspektiven kann das Institut unter diesen Umständen zukünftigen Studienanfängern noch bieten? Deshalb fordern wir ausdrücklich die sofortige Wiederbesetzung der Professur der Institutsleitung und bitten die Bürgerinnen und Bürger Stuttgarts, die großen und kleinen Institutionen sowie Freunde der Kunst(-geschichte) das Institut für Kunstgeschichte zu unterstützen. Wir Studentinnen und Studenten der Kunstgeschichte wollen auch nachfolgenden Generationen die Möglichkeit geben, in der Kunst- und Kulturhauptstadt Stuttgart ein breit gefächertes Studium der Kunstgeschichte zu absolvieren, am besten ohne selbst in wenigen Jahren erneut um die Existenz des Instituts fürchten und kämpfen zu müssen.

Eine Schließung des kunsthistorischen Instituts wäre nicht nur ein Armutszeugnis für das Verständnis einer Volluniversität der Hochschulleitung, sondern schlichtweg ein großer intellektueller und wissenschaftlicher Verlust für die Stadt Stuttgart. Bitte unterstützen Sie uns so weit es geht bei unseren Aktionen, die wir auf www.faveve.unistuttgart.de/fs-kunstgeschichte/ veröffentlichen werden. Hier erhalten Sie auch ständig neue Informationen über den Stand des kunsthistorischen Instituts der Uni Stuttgart.

Für Fragen stehen wir Ihnen natürlich gern zur Verfügung.
Kontakt:
Constanze Borchert
Constanze.Borchert@gmx.de

Einberufung zweier Kommissionen durch das Rektorat
Aufgrund der unerwartet heftigen Proteste gegen die Umstrukturierungspläne, berief das Rektorat, neben der bereits bestehenden Kommission zur „Vorbereitung der Exzellenzinitiative“, zwei weitere beratende Kommissionen ein. Jede der neuen Kommissionen besteht aus einem kleinen Kreis auserwählter Professoren, von denen die eine mit Vertretern aus den Geistes- und Sozialwissenschaften, die andere mit Vertretern aus den Natur- und Ingenieurwissenschaften besetzt ist. Den Vorsitz sollen jeweils auswärtige „Experten“ führen, deren Namen noch nicht öffentlich bekannt gegeben worden sind.

Damit werden die betroffenen Dozenten, wie auch die Studierenden von der direkten Mitwirkung an den Umstrukturierungsplänen sowie der Entscheidungsfindung weitestgehend ausgeschlossen! Denn studentische Mitglieder sind in diesen Kommissionen nicht vertreten. Das Rektorat begründet dies damit, dass die Kommissionen nur beratende Funktion hätten. Ebenfalls befand es das Rektorat nicht für nötig, Vertreter für das Lehramt in die Kommissionen einzuberufen.

Die Zusammensetzung und die Aufgaben der Kommisionen
Aus den Geistes- und Sozialwissenschaften wurden folgende Personen berufen: Prof. Hubig (Philosophie), Prof. Richter (Neue Deutsche Literatur), Prof. Renn (Technik- und Umweltsoziologie), Prof. Pyta (Neuere Geschichte), Prof. Kemper (Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik). Dabei handelt es sich ausschließlich um Professoren, die von den im Masterplan vorgesehenen Streichungen nicht betroffen gewesen wären. Sie haben nun den Auftrag, „die Schwerpunkte und Ziele der geisteswissenschaftlichen Bereiche an der Universität Stuttgart neu zu definieren“. Diese Kommission tagte bereits am 17. Juni. Das vom Rektorat versprochene Protokoll der ersten und bisher einzigen Sitzung steht noch immer aus.

Die Vertreter der Natur- und Ingenieurwissenschaften wurden, unseren Informationen zufolge, noch nicht berufen. Diese zweite Arbeitsgruppe mit dem Auftrag, „die künftigen Schwerpunkte in den Natur- und Ingenieurwissenschaften“ zu identifizieren. In der vorlesungsfreien Zeit sind keine Sitzungen angedacht. Im Dezember soll aber bereits über die Zukunft der Universität entschieden worden sein! Es ist zu befürchten, dass diese „Profilschärfung der Universität Stuttgart“ wie bereits die Entwicklung des Masterplans in aller Schnelle und ohne die nötige Transparenz erfolgen soll.

Was wir tun können!

Derzeit bilden die versprochenen, jedoch noch nicht veröffentlichten Protokolle für uns, die Studierenden, die einzige Möglichkeit, Druck auf das Rektorat sowie die Kommissionen und somit mittelbar Einfluss auf die Umstrukturierung der Universität auszuüben. Daher ist eine baldige Veröffentlichung der Sitzungsprotokolle bzw. überhaupt eine erste Zusammenkunft der Kommission „Natur- und Ingenieurwissenschaften“ unerlässlich. Darüberhinaus dürfen diese Protokolle nicht unsere einzige Informationsquelle darstellen. Wir müssen trotz der Prüfungszeit und der anstehenden vorlesungsfreien Zeit weiterhin aktiv mehr Transparenz und Mitbestimmung fordern und die Öffentlichkeit mittels Aktionen weiterhin über die Missstände an der Universität informieren. Eine konstruktive Mitarbeit seitens der Studierenden und Dozenten wird zusätzlich dadurch erschwert, dass der vor zwei Wochen von der Universitätsverwaltung angekündigte Rechenschaftsbericht noch immer nicht vorgelegt wurde. Denn erst auf der Grundlage des Rechenschaftsberichts können nachhaltige Konzepte für die zukünftige Ausgestaltung der Universität erarbeitet werden.

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