Kulturpolitisches Forum für Stuttgart

Leuchttürme in Not

Posted: Montag 21 September 2009 | Author: | Filed under: Artikel, Kulturpolitik, Presse | Tags: , , , , , , , , | No Comments »

THEMA: In Stuttgart droht den zentralen Kultureinrichtungen das Aus
von: Nikolai B. Forstbauer, Stuttgarter Nachricheten, 21.09.2009

Kulturschaffende sind finanzielles Ungemach gewöhnt. Noch nie stimmten der gesellschaftliche Anspruch an die Theater, Museen, Musiker, Filmkunst- und Literaturhäuser mit der Realität der finanziellen Förderung überein. Ein trotzig-mutiges Dennoch gehört also zur Kulturarbeit dazu, umso mehr, als sich die Öffentlichkeit – also wir alle – nur wenig Gedanken darüber macht, unter welchen Bedingungen etwa Theaterstücke auf die Bühne kommen oder Ausstellungen erarbeitet werden. Noch weniger aber beschäftigt uns, welche Kosten tatsächlich für die künstlerischen Produktionen zur Verfügung stehen. Daran mag die Landeshauptstadt Stuttgart gedacht haben, als sie jüngst über ihre Kulturbürgermeisterin einen Brief mit einer einfachen Botschaft verschicken ließ.
Um zehn Prozent, so ließ Susanne Eisenmann die Adressaten wissen, werde die Förderung für den Fall gekürzt, dass sie über 400 000 Euro beträgt. Das muss doch möglich sein, denkt man zunächst. Die Realität jedoch ist: Zentralen Kultureinrichtungen wie dem Württembergischen Kunstverein, dem Künstlerhaus, der Bachakademie, aber auch der vor allem im Thema Kinderfilm bestens besetzten Kinderkultur im Treffpunkt Rotebühlplatz droht das Aus. Die Gegenrechnung: Seit 1986 wurden die Fördergelder nicht erhöht, die Kosten aber sind seitdem um ein Vielfaches höher. Gibt es nicht Drittmittel – Geld von Sponsoren, Stiftungen und Fonds? Sie gibt es – jedoch unter der richtigen Voraussetzung, dass die Kultureinrichtungen anteilig Kosten übernehmen. Wer Geld von der Bundeskulturstiftung in Halle erwartet, muss 20 Prozent der angefragten Summe vorweisen, wer bei der EU in Brüssel vorstellig wird, 50 Prozent. Ohne Eigenkapital keine Drittmittel.

Doch nicht nur Stuttgarts Kulturbürgermeisterin verschickt derzeit irritierende Briefe. Oberbürgermeister Wolfgang Schuster ließ die Landesregierung Anfang der vergangenen Woche wissen, aus Sicht der Stadt müsse die nach jahrelangen Verhandlungen fest vereinbarte Sanierung des Staatstheaters Stuttgart mit Opernhaus, Schauspielhaus und Kulissengebäude noch einmal auf den Prüfstand. Mehr noch: Auch der im Juni bekanntgegebene Neubau der John-Cranko-Schule des Stuttgarter Balletts sei keineswegs fest vereinbart. Jeweils 12,5 Millionen Euro sollen Stadt und Land hier beitragen – für eine Einrichtung, die andere Städte vor Stolz platzen ließe. Weltstars des Tanzes wie Alicia Amatriain und Elizabeth Mason kommen aus der Cranko-Schule, tanzen unter dem Markennamen Stuttgarter Ballett ebenso im Stuttgarter Opernhaus wie auf großen internationalen Bühnen. Viel Beifall gibt es zu Recht für das Jugend-Trainingszentrum des VfB Stuttgart. Nicht weniger Beifall verdient die Cranko-Schule.

Am heutigen Montag sollte im Verwaltungsrat des Staatstheaters der letztgültige Beschluss gefasst werden – für die Sanierung der Spielstätten, für den Bau einer längst überfälligen Probebühne, für den seit Jahren versprochenen Neubau der John-Cranko-Schule. Die Briefe aus dem Stuttgarter Rathaus haben die Ausgangslage dramatisch verändert. An der Finanzierung der Leuchttürme wie etwa des Württembergischen Kunstvereins nämlich ist das Land beteiligt. Ein Rückzug der Stadt hat damit, erstens, zwangsläufig existenzielle Bedeutung und lässt sich, zweitens, keineswegs auf nur ein Themenfeld begrenzen.

Welch verheerende Wirkung ein dauerhafter Minushaushalt hat, ist vor aller Augen ablesbar: Mutig hat die Staatsgalerie Stuttgart Gelder aus dem Ausstellungs- und Ankaufsetat genutzt, um die Sanierung des Museums zu initiieren. Dies nahm dem Haus den finanziellen Spielraum für große Kunst-Ereignisse. Fragen nach dem fehlenden Glanz verbieten sich folgerichtig.

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