Kulturpolitisches Forum für Stuttgart

Stellungnahme zu den geplanten Kürzungen der Stadt Stuttgart im Kulturbereich

Posted: Dienstag 22 September 2009 | Author: | Filed under: Artikel, Situation in den Kultureinrichtungen | Tags: , , , , , , , , , , , , | No Comments »

Positionspapier an die Mitglieder des Ausschusses für Kultur und Medien Stuttgart
von: Württembergischer Kunstverein und Künstlerhaus Stuttgart

Stuttgart, 22. September 2009

Zur allgemeinen Situation

Am 7. September 2009 erhielten eine Reihe städtisch geförderter Kultureinrichtungen der Stadt Stuttgart ein allgemeines Anschreiben der Kulturbürgermeisterin Dr. Susanne Eisenmann, das ihren im Zuge der Haushaltkonsolidierung konzipierten Plan zur Kürzung der städtischen Zuschüsse im Kulturbereich erläutert: Von einigen Ausnahmen abgesehen, sollen alle Kulturinstitutionen, die bislang einen städtischen Zuschuss von über 400.000 Euro erhalten, um 10 % gekürzt werden, die anderen um 5 %. Dieses Kürzungsvorhaben soll am 18. Dezember 2009 vom Gemeinderat beschlossen werden.

Die geplanten Kürzungen gehen von dem Grundsatz aus, dass „alle Kultureinrichtungen gleichermaßen einen Solidarbeitrag zu leisten haben.“ Der Schlüssel, der dabei angewandt wird, erweckt den Eindruck, dass sich alle Kulturinstitutionen Stuttgarts (ober- oder unterhalb der Grenze von 400.000 Euro städtischer Förderung) in derselben finanziellen Ausgangslage befänden. Dies entspricht jedoch in keiner Weise der Realität. Vielmehr sind es genau die jeweils spezifischen institutionellen Unterschiede in Bezug auf Finanzierungsmodelle und Abrechnungsmodi, welche die scheinbar verkraftbaren Kürzungen zu einem Existenz bedrohenden Szenario für die betroffenen Institutionen machen.

Dem Künstlerhaus Stuttgart und Württembergischen Kunstverein drohen jeweils Kürzungen in Höhe von zehn Prozent. Da das Künstlerhaus mit seiner städtischen Förderung knapp über 400.000 Euro liegt, davon aber die Hälfte an Mietkosten direkt an die Stadt zurückzahlen muss, liegt die Kürzungsquote hier faktisch bei 20 %.

Es ist bekannt, dass die Zuschüsse der meisten Kultureinrichtungen dieser Stadt bereits in den Jahrzehnten vor der aktuellen Wirtschaftskrise, das heißt, in jenen Jahren, in denen der Haushalt gut aufgestellt war, drastisch zurückgegangen sind. So sind zum Beispiel die städtischen Zuschüsse für den Kunstverein im Jahr 2009 nominell geringer als 1982, das Geld ist inzwischen aber nur noch die Hälfte wert. In derselben Zeit haben sich die Ausgaben der öffentlichen Hand verdoppelt.

In Anbetracht unserer seit Jahrzehnten bzw. Jahrhunderten geleisteten Arbeit an der Aufwertung der Stadt Stuttgart als international relevanter Standort der zeitgenössischen Kunst, besteht der berechtigte Anspruch, dass vor Beschließung etwaiger Kürzungen, eine bislang nicht erfolgte Detailprüfung vorgenommen wird: denn dann wird man feststellen, dass es weder beim Künstlerhaus noch beim Kunstverein jedwede „Gestaltungsmöglichkeiten bei der Umsetzung der Kürzungen“ gibt. Vielmehr gehören wir,  der Argumentation der Kulturverwaltung entsprechend, zweifellos zu jener Gruppe, die mit der Begründung einer „grundsätzlich zu geringen Förderung“ von den Kürzungen ausgenommen sind.

Dass Kultur längst ein Wirtschaftsfaktor wie jeder andere ist, wurde hinlänglich bewiesen. So agieren Institutionen wie der Kunstverein und das Künstlerhaus seit Jahren trotz geringer Mittel äußerst effizient und investieren den Großteil ihres Umsatzes direkt in den lokalen Mittelstand. Zudem bringen sie durch Drittmitteleinwerbung beträchtliche Geldmittel von Außen (zum Beispiel vom Bund oder der EU) in die Stadt: allein im Künstlerhaus und Kunstverein bis zu 350.000 Euro jährlich.

Die Einwerbung von Drittmitteln setzt aber voraus, das man für die entsprechenden Projekte jeweils einen Eigenanteil von bis zu 50 % nachweisen kann. Die geplanten Mittelkürzungen verdoppeln sich dadurch also, weil sie als entsprechende Gegenfinanzierung für die Drittmitteleinwerbung fehlen.

Was mit den geplanten Kürzungen auf dem Spiel steht, ist das Überleben der kulturellen Vielfalt und Lebendigkeit in der Landeshauptstadt: insbesondere was die jungen, innovativen und noch nicht etablierten Künste anbelangt, also der Nährboden und das Aushängeschild eines jeden Kulturstandortes, der welt- und zukunftsgewandt ist.

Es ist begrüßenswert, dass etwa das Staatstheater oder das Kunstmuseum von den Kürzungen ausgenommen sind. Aber auch deren weitere erfolgreiche Arbeit hängt maßgeblich davon ab, inwieweit in Stuttgart ein aufgeschlossenes Bewusstsein für innovative Kulturformen herrscht, die wir ästhetisch bilden. Eine Großstadt braucht eine lebendige und vielfältige Kulturszene, die in ihrer Gesamtheit die verschiedenen Öffentlichkeiten anspricht.

Es gibt in Stuttgart nur zwei Ausstellungsinstitutionen – der Württembergische Kunstverein und das Künstlerhaus Stuttgart –, die sich dezidiert der zeitgenössischen Kunst widmen und dabei nicht nur auf lokaler und regionaler, sondern auch auf internationaler Ebene agieren, wahrgenommen und hoch geschätzt werden. Diese Anzahl ist im Vergleich zu Städten wie Düsseldorf, Frankfurt, Köln oder Hamburg marginal. Umsomehr sollte der Stadt an der weiteren Handlungsfähigkeit dieser beiden Institutionen gelegen sein.

Denn das Künstlerhaus und der Kunstverein

- leisten eine kontinuierliche Arbeit an der Vermittlung von zeitgenössischer Kunst – durch Ausstellungen, Workshops, Vorträge und Diskussionsveranstaltungen, Filmprogramme, Performances, Musikveranstaltungen, Atelierbesuche, Kooperationen mit anderen kulturellen Trägern und vielem mehr –, die in diesem Ausmaß nicht von den hiesigen Museen erbracht werden kann.

- spielen im Bereich der internationalen zeitgenössischen Kunst in der ersten Liga.

- machen Stuttgart durch ihr exzellentes Programm sowie ihre weitverzweigten internationalen Netzwerke zu einem weltweit geschätzten Standort der aktuellen Kunst.

- produzieren hochkarätige Ausstellungen und Projekte, die regelmäßig von internationalen Institutionen übernommen werden.

- bringen, aufgrund der hohen Wertschätzung des Programms, jährlich bis zu 350.000 Euro an Drittmitteln von Außen in die Stadt.

- ermöglichen, neben der Präsentation und Vermittlung von aktueller Kunst, auch in hohem Maße deren Produktion.

- ermöglichen die Teilhabe der lokalen Öffentlichkeit an den Entwicklungen der zeitgenössischen Kunst und deren Auseinandersetzung mit der komplexen Welt, in der wir leben.

- verknüpfen Fragen zur Zukunft der Kunst mit Fragen zur Zukunft des Wissens, der Arbeit und der globalisierten Gesellschaft, also mit Themen von höchster gesellschaftlicher Relevanz.
binden in besonderem Maße das junge Publikum, eine über die Kultur hinaus auch an sozialen Themen interessierte Öffentlichkeit sowie migrantische Bevölkerungsschichten ein.

- tragen durch ihre lokale und internationale Vernetzung maßgeblich zur Attraktivität des Standorts Stuttgart für den künstlerischen Nachwuchs bei: von den heutigen und zukünftigen Studierenden der Akademien bis zu den Stipendiaten der Akademie Schloss Solitude oder der Kunststiftung Baden Württemberg.

- arbeiten mit flachen Hierarchien und partizipativen Strukturen, die den direkten Austausch zwischen Institution, Künstlern, Kunst und Öffentlichkeit herstellen.

- basieren mit ihren Mitgliedern auf einem hohen bürgerschaftlichem Engagement sowie auf basisdemokratischen Strukturen.

- beruhen auf Organisationsstrukturen, die im Hinblick auf Flexibilität, wirtschaftliche Effizienz und Produktivität Zukunftsmodelle abbilden.

Um all dies auch in Zukunft leisten zu können, müsste der bereits dünne Sockel der Zuschüsse entsprechend der Teurungsraten kontinuierlich erhöht werden. Kürzungen, noch dazu in der angekündigten Höhe, bedeuten jedoch das Aus der bisherigen Arbeit.

Das Künstlerhaus – sollten die Kürzungen wie geplant umgesetzt werden – wird den Ausstellungs- und Veranstaltungsbetrieb in seiner bisherigen Fülle und Vielfalt bis zur Existenzgefährdung reduzieren müssen. Der Kunstverein wird mit maximal ein bis zwei Ausstellungen im Jahr und ohne die komplementären Aktivitäten seitens des Künstlerhauses kaum eine nennenswerte Kontinuität gewährleisten können. Die Lücken, die dabei für die zeitgenössische Kunst in Stuttgart entstehen, können nicht durch die Museen kompensiert werden. Vielmehr werden auch diese die fehlende nachhaltige Arbeit für ein offenes Klima gegenüber innovativen Kunstformen schmerzlich zu spüren bekommen.

Die kulturelle Landschaft einer Stadt wie Stuttgart ist ein komplexes Gewebe, das als Ganzes mehr als die Summe seiner Einzelteile darstellt, wobei das Herausschneiden einzelner Stränge das gesamte Gebilde zu Fall bringt.

Der Kunstverein und das Künstlerhaus sind nicht nur mit den Museen, Hochschulen und  Stipendienhäusern, sondern auch mit vielen Initiativen dieser Stadt aufs engste verknüpft, denen ebenfalls Kürzungen drohen: darunter die Oberwelt, der Filmwinter, der Fotosommer, das Campfestival, das Kulturzentrum Merlin e.V., Hermes und der Pfau, Selfservice Open Art Space, White Heat und viele mehr. Man nennt das Szenebildung, und es ist genau diese heterogene Szene, die die elementaren Brücken zwischen Off- und Hochkultur schlägt, deren Überleben am 18. Dezember auf dem Spiel steht.

Wandert diese Szene ab, so wandert auch der ­bislang darin stark eingebundene künstlerische Nachwuchs zum oder spätesten nach dem Studium in attraktivere Städte ab. Überdies werden dem breiten lokalen Publikum, das diese Szene um sich herum über Jahre aufgebaut hat, die nachhaltigen Angebote an zeitgenössischer Kultur – und somit auch die Kompetenz darüber – entzogen. Man nennt dies Bildungslücke.

All dies wäre ein verheerendes Signal und ein untragbarer Zustand für eine Landeshauptstadt, die gerade in den letzten Jahren – und zwar maßgeblich durch unsere Arbeit – in der überregionalen Presse auf dem Gebiet der zeitgenössischen Kultur großes Lob erhalten hat, und deren Positionierung im nationalen Vergleich kontinuierlich steigt. Stattdessen der Rückschritt in die Eindimensionalität und Provinzialität? Genau dies sollte am 18. Dezember nicht entschieden werden.

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