Zu den geplanten Kürzungen der Stadt Stuttgart im Kulturbereich und deren Auswirkungen auf die zeitgenössische Kunst in der Landeshauptstadt
Posted: Donnerstag 1 Oktober 2009 | Author: admin | Filed under: Artikel, Situation in den Kultureinrichtungen | Tags: Künstlerhaus Stuttgart, Kürzung, Württembergischer Kunstverein | No Comments »Von: Künstlerhaus Stuttgart und Württembergischer Kunstverein
Es gibt in Stuttgart, in der Landeshauptstadt eines der reichsten Bundesländer Deutschlands, nur zwei Ausstellungsinstitutionen, die sich dezidiert der zeitgenössischen Kunst widmen und mit ihrem avancierten Programm nicht nur auf lokaler und regionaler, sondern auch auf internationaler Ebene seit Jahrzehnten hoch geschätzt werden: den Württembergischen Kunstverein und das Künstlerhaus Stuttgart.
Aufgrund der derzeitigen Kürzungsvorhaben der Stadt Stuttgart im Kulturbereich, steht ihre Existenz nun auf dem Spiel. Die dramatische Situation ist Ergebnis von bereits seit Jahrzehnten schwindender öffentlicher Zuschüsse. Bereits heute wirtschaften die beiden Institutionen, wie viele andere Einrichtungen im Kulturbereich, mit einem Minimum an Personal. Die Zuschüsse decken längst nicht mehr die Fixkosten, obwohl diese auf die unterste Grenze zurückgeschraubt wurden, und das Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm ist nur über Drittmittel, die kaum Planungssicherheit bieten, zu realisieren. Vor dem Hintergrund dieser prekären Situation, würden jegliche weiteren Kürzungen, auch wenn ihr Umfang zunächst noch so moderat erscheint, eine Fortsetzung der Programmarbeit unmittelbar gefährden und eine irreparable Lücke in der städtischen Kulturlandschaft hinterlassen.
HINTERGRÜNDE
Am 7. September 2009 erhielten der Württembergische Kunstverein und das Künstlerhaus Stuttgart, neben weiteren städtisch geförderten Kultureinrichtungen Stuttgarts, ein Schreiben der Kulturbürgermeisterin Dr. Susanne Eisenmann. Sie legt darin ihren im Zuge der Haushaltkonsolidierung konzipierten Plan zur Kürzung der städtischen Zuschüsse im Kulturbereich dar: Von einigen Ausnahmen abgesehen, sollen alle Institutionen, die bislang einen städtischen Zuschuss von über 400.000 Euro erhalten, um 10 % gekürzt werden, die anderen um 5 %. Dieses Kürzungsvorhaben soll am 18. Dezember 2009 vom Gemeinderat beschlossen werden.
Dem Künstlerhaus Stuttgart und Württembergischen Kunstverein drohen demnach jeweils Kürzungen der städtischen Zuschüsse in Höhe von 10 %, das heißt die Förderung des Künstlerhauses soll um 42.000 Euro, die des Württembergischen Kunstvereins um 50.000 Euro reduziert werden. Mit diesen Kürzungen würden beiden Häusern die existentiellen Grundlagen des weiteren Handelns entzogen.
Die Zuschüsse beider Institutionen sind bereits in den letzten Jahrzehnten, trotz eines gut aufgestellten städtischen und Landeshaushalts, drastisch zurückgegangen. Der aktuelle Stand der Förderungen liegt auf dem Niveau der 1980er Jahre, wobei das Geld seither bekanntlich nur noch die Hälfte Wert ist. Die Zuschüsse decken längst nicht mehr die Fixkosten, obwohl diese auf die unterste Grenze zurückgeschraubt wurden. Das erfolgreiche Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm, das auf der Basis eines absoluten Minimums an Personal gestemmt wird, ist nur durch ein hohes Eigenengagement und die unermüdliche Einwerbung von Drittmitteln, die kaum Planungssicherheit bieten, möglich.
Das Künstlerhaus liegt mit seiner bisherigen städtischen Förderung zwar knapp über 400.000 Euro, muss davon aber die Hälfte an Mietkosten direkt an die Stadt zurückzahlen. Die Kürzungsquote liegt hier also faktisch bei 20 %. Es blieben jährlich nur noch rund 3.000 Euro für das Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm.
Der Württembergische Kunstverein muss bereits heute jährlich rund 55.000 Euro zur Sicherung der Fixkosten selbst aufbringen. Mit den geplanten Kürzungen fehlten ihm jährlich über 100.000 Euro für Ausstellungen und Veranstaltungen. Hier wie im Künstlerhaus müsste das Programm auf ein Minimum heruntergefahren werden.
Auch das Einwerben von Drittmitteln würde durch die drohenden Kürzungen erheblich beschnitten werden. Denn Drittmittel erhält man nur, wenn man dabei Eigenmittel in Höhe von bis zu 50 % des jeweiligen Projektetats selbst einbringen kann. Die Höhe der städtischen Kürzungen würde sich durch diesen Dominoeffekt also verdoppeln.
Sollten die geplanten Kürzungen der städtischen Zuschüsse für das Künstlerhaus Stuttgart und den Württembergischen Kunstverein tatsächlich umgesetzt werden, würde dies einen wichtigen Teil der städtischen Kulturlandschaft existentiell gefährden, mit weitreichenden Auswirkungen auf die Kultur- und Kunstszene und den Kulturwirtschaftsbereich, mit denen beide Institutionen eng verzahnt sind.
Es würde ein kontinuierliches und avanciertes Angebot der Vermittlung zeitgenössischer Kunst in Form von Ausstellungen, Workshops, Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen, Filmprogrammen, Performances, Musikveranstaltungen, Atelierbesuchen, Kooperationen mit anderen Kulturträgern und vielem mehr fehlen. Die Stadt Stuttgart würde die internationale Ausstrahlung auf dem Gebiet aktueller und innovativer Kunstpraktiken verlieren. Ganz zu Schweigen davon, dass zwei Institutionen, die in hohem Maße junge KünstlerInnen sowie den künstlerischen Nachwuchs fördern, in der Bedeutungslosigkeit verschwänden.
Was am 18. Dezember im Gemeinderat der Landeshauptstadt zur Entscheidung steht, ist nichts Geringeres, als die Entscheidung für oder gegen die Provinzialisierung des Kulturstandortes Stuttgart.

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