Kulturpolitisches Forum für Stuttgart

Also doch – Geld schießt Kunst-Tore

Posted: Donnerstag 1 Oktober 2009 | Author: | Filed under: Artikel, Presse | Tags: , , , , , , | 1 Comment »

von: Nikolai B. Forstbauer, Stuttgarter Nachrichten, 1.10.2009

In Stuttgart stehen der Württembergische Kunstverein und das Künstlerhaus nach Kürzungsankündigungen vor dem Aus. Zehn Prozent will die Stadt Stuttgart bei allen Kultureinrichtungen sparen, die mehr als 400 000 Euro Förderung erhalten. Damit sind jene Gelder in Gefahr, die im Württembergischen Kunstverein und im Künstlerhaus Stuttgart für Ausstellungen zur Verfügung stehen.

Schießt Geld Tore? Darüber wird unter Ballsportfreunden gerne gestritten. Einer, der indes unverdächtig ist, das flott Teure zu lieben, bejaht diese Frage klar und laut: Rolf Brack, Trainingswissenschaftler an der Universität Stuttgart und als so harter wie erfolgreicher Talentförderer bekannter Trainer des Handballbundesligisten HBW Balingen-Weilstetten. Sein Umkehrschluss: Ohne Geld gerät man eilends an die Grenzen des Möglichen und des Machbaren. Bracks Position erinnert an ein Wort des verstorbenen Stuttgarter Galeristen Hans-Jürgen Müller. Vordenker auch der Zukunftswerkstatt Mariposa war Müller – und Fußballexperte. Eine Doppelrolle wie geschaffen für die Aussage, er lese in einer Tageszeitung erst dann wieder einen Text über Kunst, “wenn er so spannend geschrieben ist wie eine gute Fußballreportage”.

Bleiben wir für einen Moment dabei: Geld schießt Tore. Und folgen wir Hans Jürgen Müller einmal in seinem Sinn mit Sturm und Drang und sagen – unter der Maßgabe professionellen Spielbetriebs: Geld schießt Kunsttore. Dann sieht es schlecht aus für die Landeshauptstadt Stuttgart. Dies nämlich ist die Situation: Auf wessen Maßgabe auch immer hat Stuttgarts Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann (CDU) flächendeckend einen Brief verschickt, dessen freundliche Formulierungen für die kommenden beiden Haushaltsjahre eine Kürzung der jährlichen Förderung von fünf Prozent beziehungsweise von zehn Prozent ankündigen.

Wichtig sind die Zehn-Prozent-Fälle, ist doch hierfür eine Zuschuss-Schwelle von jährlich 400 000 Euro maßgebend. Wie es der Zufall will, geraten hierbei besonders zwei Foren der nationalen und internationalen Gegenwartskunst ins Sparvisier: der Württembergische Kunstverein Stuttgart und das Künstlerhaus Stuttgart. Der absehbare Effekt für beide Häuser: Nullen bei der Summe für die beweglichen Mittel. 45 000 Euro betragen diese etwa im Künstlerhaus Stuttgart, das sich unter Leitung von Axel Wieder national in die erste Reihe der Ausstellungsforen aktueller Kunst zurückgekämpft hat. 42 000 Euro wären nach jetzigem Stand einzusparen – mit 3000 Euro aber lässt sich kaum ein Projekt realisieren. Und ähnlich wie das Theaterhaus Stuttgart (dem indes das Ausweichmanöver nützen könnte, ein eigenes Schauspielensemble zu führen und damit unter Bestandsschutz zu stehen) stünde auch der Württembergische Kunstverein vor einem unlösbaren Problem: 55 000 Euro jährlich muss man selbst erwirtschaften, um überhaupt die Betriebsmittel zu decken. Kämen bei einer städtischen Förderung von 500 000 Euro weitere 50 000 Euro dazu, droht das jetzt schon schlanke Binnensystem zu kollabieren. Jetzt rächt sich für das Künstlerhaus wie für den Kunstverein überdeutlich, dass einerseits die Zuschüsse der Stadt seit 1986 eingefroren sind, andererseits aber die Kosten enorm gestiegen sind.

Geld schießt Tore – natürlich kann man daran zweifeln. Und nicht nur bei Spielen des hiesigen Fußballbundesligisten. Unzweifelhaft aber gilt dieser Satz, wenn es darum geht, aus Geld mehr Geld zu machen. Eben darin besteht bisher die Kunst der Kunstschaffenden. Doch die Rechnung zeigt – auch damit ist es absehbar vorbei. 20 Prozent Eigenmittel sind Voraussetzung, um bei der Bundeskulturstiftung, wiederholt Partner des Württembergischen Kunstvereins, Fördermittel zu akquirieren. Und 50 Prozent muss Axel Wieder anbieten, wenn er für das Künstlerhaus in der Reuchlinstraße EU-Mittel beantragt. Ohne Eigenmittel keine Drittmittel, ohne Drittmittel keine Ausstellung – so einfach ist das, so bitter.

Purer Protest aber ist nicht die Sache der Kunstvereinsdirektoren Iris Dressler und Hans D. Christ, und auch Künstlerhaus-Programmlenker Axel Wieder wird man kaum als Bannerträger erleben. Die drei geben die Frage: Wie viel Gegenwart will und braucht diese Stadt? vielmehr an Stuttgarts Bürger weiter. “Keine avancierte Kunst in Stuttgart?” ist ein Abend überschrieben, der am Mittwoch, 7. Oktober, um 20 Uhr im Württembergischen Kunstverein im Kunstgebäude am Schlossplatz stattfindet.

“Über die Tragweite dieser Entscheidung”, so schreiben Dressler, Christ und Wieder in ihrer Einladung mit Blick auf die Auswirkungen auch “moderat erscheinender Kürzungen” in den aufgezeigten Zusammenhängen, “sollte die Öffentlichkeit nicht nur informiert, sondern auch an deren Diskussion beteiligt werden”. Vertreter der Bildenden Kunst “und anderer Disziplinen” sind dabei, solche, deren Häuser “von den angekündigten Kürzungen betroffen sind, und solche, die es nicht sind”. Neben Dressler, Christ und Wieder sind bis jetzt benannt: Jean-Baptiste Joly, Direktor der Akademie Schloss Solitude, Xavier Zuber, Leitender Dramaturg an der Staatsoper, und Christian Lorenz, Intendant der Bachakademie. Auf was Dressler, Christ und Wieder auch aufmerksam machen: Das Interesse der Stadt an der Gegenwartskunst entscheidet sich mit am Interesse der Bürger für die Gegenwartskunst. Aktuell im Kunstverein zu sehen: die Schau “Desire in Representation” von Peggy Buth. Im Künstlerhaus: Ei Arakawa und Sergei Tcherepnin im Dialog über Kunst und Musik.

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One Comment on “Also doch – Geld schießt Kunst-Tore”

  1. 1 Diocelina said at 17:33 on 29th August, 2012:

    Zur Erge4nzung dieses Hinweises mf6chte ich auf das Booklet der EuMGA (European Federation of Myasthenia Gravis Association) heiewnsin, das es auch in einer deutschen dcbersetzung gibt.Suchen im Internet unter Euromyasthenia .


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