Kulturpolitisches Forum für Stuttgart

Bei Lösch verdienen die Kids gut

Posted: Samstag 3 Oktober 2009 | Author: | Filed under: Artikel, Kulturpolitik, Presse | Tags: , | No Comments »

von: Adrienne Braun, Stuttgarter Zeitung, 03.10.2009

Stuttgart – Eigentlich ist Brigitte Dethier umgänglich. Es gibt aber Sätze, welche die Intendantin des Jungen Ensemble Stuttgart (Jes) prompt in Rage bringen. Einen dieser Sätze hat sie in den vergangenen Wochen häufiger gehört: Ihr wollt ein Theaterfestival machen – und in den Schulen stürzen die Decken ein? “Bestimmte politische Argumentationen”, sagt Dethier, “lasse ich nicht zu. Ich möchte auch nicht, dass eine Schuldecke einstürzt und unser Theaterpublikum erschlägt.” Trotzdem kämpft Dethier für ihr Festival “Schöne Aussicht”, das im Zuge der geplanten Sparmaßnahmen gestrichen werden soll.

So einfach, meint Dethier, geht es nicht. Denn sie ist nicht nur nach Stuttgart gekommen, um das neue Kinder- und Jugendtheater aufzubauen, sondern auch wegen des internationalen Festivals. Es ist das einzige dieser Größe und dieses Formates in der Republik. In ihrem Vertrag steht, dass sie das Festival “Schöne Aussicht” ausrichten darf, beziehungsweise sogar dazu verpflichtet ist. Aber hält sich die Stadt nun an das, was sie zugesagt hat? Unterschrieben hat die Stadt nichts, ihren Vertrag hat Dethier mit dem Trägerverein des Jes geschlossen. “Aber der hat kein Geld”, sagt sie, “er überwacht nur.”

Für Dethier ist klar: Ohne die “Schöne Aussicht” muss das Jes neu ausgerichtet werden, weil viele der Eigenproduktionen aus den internationalen Kontakten heraus entstehen. Entsprechend ist das Theater heute europaweit vernetzt und bekommt derzeit aus allen Herren Ländern Solidaritätsbekundungen. Die internationale Vereinigung für Kinder- und Jugendtheater Assitej hat bereits einen Brief an die Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann geschrieben und erklärt, wie die “Schöne Aussicht” die internationale Reputation Stuttgart stärke. “Wenn Stuttgart sich diesen Leuchtturm weghauen will”, sagt Dethier, “ist es selbst schuld”. Sie würde das Festival zur Not in einer abgespeckten Version stattfinden lassen, zumal für den Termin im Mai 2010 schon Verbindlichkeiten in Höhe von 40.000 Euro bestehen. Falls das Festival ganz ausfällt, will Dethier mit dem Ensemble Nie, das für einen Workshop engagiert ist, “politische Aktionen machen”.

Kinder mit Lernschwierigkeiten profitieren enorm

Denn so dringend Schulen sind, so dringend brauche man auch Kultur für Kinder und Jugendliche, meint Dethier. Deshalb wird das Theater wieder mit der Berger Schule arbeiten – wie schon vor zwei Jahren. Die Kinder mit Lernschwierigkeiten hätten enorm von der Theaterarbeit profitiert, erzählt Dethier, sie könnten sich besser konzentrierten, würden nicht mehr sofort zur Gewalt greifen, könnten sich auch mal vor die Klasse stellen und etwas vortragen. “Das größte Erlebnis”, sagt der Dramaturg Christian Schönfelder, “war für sie, dass sie Beifall kriegen für das, was sie tun.”

Die Sorgen um die Zukunft überschatten die Arbeit des Jes zwar, aber das neue Thema der Spielzeit steht: Fremde Welten – und alles, was einem fremd vorkommt in dieser Welt. Auch die neuen Spielclubs und Werkstätten nehmen nun ihren Betrieb auf. Das Interesse ist nach wie vor groß, “aber es wird schwieriger, weil die Stundenpläne so gepfeffert voll sind”, sagt Dethier. Das Jes kann die Clubs nicht in die Abendstunden legen, weil da Vorstellungen im Fitz stattfinden und die Räume bis heute nicht schallisoliert wurden.

Auch die Kollegen machen dem Jes mitunter Schwierigkeiten. Die meisten Theater bieten heute Programme für Kinder an, “weil alle vorweisen müssen, wie viele Klassen sie durchschleusen”, so Dethier. Was fehle, sei Unterstützung von der Politik, um diese Kulturangebote mit den Schulen besser zu koordinieren. Inzwischen gibt es aber auch Konkurrenz finanzieller Art für das Jes. Andere Theater bezahlen die Jugendlichen, wenn sie in einem Stück mitspielen. Deshalb sind schon einige vom Jes abgewandert und zum Staatstheater übergelaufen. “Wenn sie bei Volker Lösch mitspielen, verdienen sie gut, da sind uns schon einige abhanden gekommen.”

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