Kulturpolitisches Forum für Stuttgart

Hindenburgbau. Pionierprojekt wäre einmalig

Posted: Donnerstag 1 Oktober 2009 | Author: | Filed under: Artikel, Kulturpolitik, Presse | Tags: , , , , | No Comments »
von: Adrienne Braun, Stuttgarter Zeitung,  01.10.2009

Stuttgart – Sobald gespart werden muss, wächst die Missgunst. Dann fallen bittere Sätze wie “dafür ist doch auch noch Geld da”. In der Tat: für ein neues Stuttgarter Zentrum für Film und Freies Theater im Hindenburgbau steht Geld zur Verfügung. Auch wenn es auf den ersten Blick widersinnig scheinen mag, ist es so: Auf der einen Seite sieht das Sparkonzept der Kulturverwaltung Einschnitte in allen Sparten vor, gleichzeitig ist in den vergangenen Wochen ein Konzept entwickelt worden, das die Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann als charmant bezeichnet und das in der Republik einzigartig wäre. Nach der Insolvenz des Kommunalen Kinos könnte im ehemaligen Ambo-Kino ein neuer Ort für die kommunale Filmarbeit entstehen. Gleichzeitig könnten die freien Theater der Stadt hier ein neues Zuhause erhalten.

Der Filmwissenschaftler Thomas Basgier hat hierzu im Rahmen eines Werkvertrages ein Konzept erarbeitet, wie ein solches Zentrum für Film und Freies Theater ausschauen könnte. Es klingt verlockend: Ein Saal mit 110 Plätzen stünde dem Kommunalen Kino zur Verfügung, ein zweiter mit einer flexiblen Bestuhlung und maximal 250 Plätzen wäre für das freie Theater und den Tanz reserviert. Aber es könnten auch Theater- und Filmfestivals stattfinden, Events sowie lange Filmnächte, crossmediale Projekte, Symposien, Gastspiele. Durch Vermietungen könnte der Etat aufgestockt werden.

Ob sich Theater und Film tatsächlich gewinnbringend ergänzen können, ist schwer vorauszusagen. Thomas Basgier schlägt unter anderem ein Theater- und Tanzfilm-Festival vor oder auch Filmporträts von Schauspielern, Dramenverfilmungen und Bühnendokumentationen. Bei der Organisation und dem Personal geht er von Synergien aus.

Eine Heimat für ein freies Theater

Basgier empfiehlt eine Dreierspitze mit einer künstlerischen Leitung für den Film und einer für das Theater sowie einem gemeinsamen kaufmännischen Geschäftsführer. Ebenfalls offen ist die Frage, ob das neue Zentrum die Situation der freien Theater verbessern würde. Es wäre der inzwischen dritte Anlauf der Stadt, für die freien Gruppen eine vernünftige Heimat zu finden.

Zur Erinnerung: beim Umzug des Theaterhauses auf den Pragsattel wurde eine Bühne eigens für die freien Gruppen gebaut, die sich diese allerdings nicht leisten können, weil die Mieten im Theaterhaus deutlich gestiegen sind. Deshalb wurde der Treffpunkt Rotebühlplatz zur Spielstätte der Freien erklärt, aber der Ort hat sich – trotz aller Bemühungen der Volkshochschule – bis heute nicht richtig durchsetzen können. “Es ist ein Ort des Lernens, der Bildung und Weiterbildung”, sagt Eisenmann, “es ist ein wunderbarer Veranstaltungsraum, aber für Theater nicht ausgerichtet.”

Fraglich ist, ob ein freies Theater einen so großen Saal wie im Ambo füllen kann – im Rotebühltheater spielt manche Vorstellung vor ein oder zwei Dutzend Zuschauern. Das, meint Eisenmann, liege auch an den schwierigen Umständen dort. Das Ambo dagegen sei “eine schöne Bespielungsmöglichkeit”.

Den Umbau müsste die LBBW übernehmen

600.000 Euro stünden dem Zentrum jährlich zur Verfügung – einerseits die 360.000 Euro, die bisher das Kommunale Kino bekommen hat, sowie 300.000 Euro, die die Stadt derzeit für die freie Theaterszene einsetzt. Die Fördermittel für Projekte blieben davon unberührt. Von der Summe würde im Rahmen der aktuellen Sparpläne fünf Prozentpunkte gekürzt werden. Sie reicht für den Unterhalt, nicht aber für den Umbau der Immobilie. Den müsste der Eigentümer übernehmen, die LBBW. “Der Umbauaufwand ist kein geringer”, sagt Eisenmann, deshalb müsste die Stadt im Gegenzug einem Mietvertrag von zwanzig Jahren zustimmen, um die Kosten zu refinanzieren. Und das, meint Eisenmann, “ist eine lange Bindung, das muss man abwägen.”

In den kommenden Tagen wird die Vorlage zu dem neuen Film- und Theaterzentrum fertig gestellt und dem Gemeinderat vorgelegt werden, der dann entscheiden muss, ob das Zentrum in dieser oder anderer Form kommt. Oder womöglich gar nicht. Das dann frei werdende Geld käme allerdings nicht automatisch anderen Kultureinrichtungen zugute, sondern nur, wenn der Gemeinderat dies beschließt. “Es ist die Abwägung”, sagt Eisenmann, “wollen wir etwas Neues machen oder Akzente im Bestehenden setzen”.

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