Kulturpolitisches Forum für Stuttgart

Kürzungen: Jeder bekommt was er verdient.

Posted: Donnerstag 8 Oktober 2009 | Author: | Filed under: Artikel | Tags: , , , , | 6 Comments »

Von: Axel Kopp
Die grundsätzliche Frage, ob man es hinnehmen darf, wenn der Kulturhaushalt um fünf Millionen Euro gekürzt wird, will ich an dieser Stelle nicht diskutieren. Ich gehe stattdessen davon aus, dass man es akzeptieren muss. Soviel dazu, nun zum eigentlichen Anliegen.
1. Petra von Olschowski hat in der Podiumsdiskussion die These aufgeworfen, dass man bei den Theatern die Zuschüsse nicht kürzen werde, weil sonst die Zuschauer und die Presse erheblichen öffentlichen Druck ausüben würden – bei Kunsteinrichtungen sei das nicht der Fall. Wenn es also, überspitzt formuliert, den Stuttgartern Bürgern egal ist, ob die Existenz des WKV und anderen Einrichtungen auf dem Spiel steht, muss doch auch die Frage gerechtfertigt sein: Hat die Politik da vielleicht im Sinne der Bürger gehandelt und an der richtigen Stelle gekürzt? Oder warum sonst gelingt es diesen Einrichtungen nicht, ihre Besucher zu mobilisieren? An den fehlenden Kooperationen scheint es ja nicht zu liegen. Wo ich auch schon beim zweiten Punkt wäre.

2. Wenn die Kooperationen und Vernetzungen zwischen den Kultureinrichtungen tatsächlich so gut sind, wie es u.a. Iris Dressler behauptet hat, dann stellt sich doch die Frage, warum noch keine spartenübergreifende Protestwelle ausgebrochen ist. Wenn die Solidarität nicht nur ein bloßes Lippenbekenntnis bei einer Podiumsdiskussion ist, sondern die Kulturbetriebe tatsächlich an einem Strang ziehen, dann müsste es doch möglich sein, dass sich die jeweiligen Entscheider, an einen Tisch zusammensetzen und die fünf Millionen Euro gemeinsam „rausschwitzen“.
Erst wenn das Staatstheater sich öffentlich bereit erklärt, um der kulturellen Vielfalt Stuttgarts Willen, einen geringen Teil (sagen wir 100.000 €) von seinen öffentlichen Zuschüssen (insgesamt rund 75 Millionen Euro jährlich) an den WKV abzugeben, erst dann glaube ich daran, dass die Solidarität erst gemeint.
3. Wenn es nicht, wie zu Beginn der Podiumsdiskussion von Petra von Olschowski angemerkt, um den eigenen Arbeitsplatz gehe, sondern um die kulturelle Vielfalt Stuttgarts, dann muss doch die Frage erlaubt sein, wer dieses Angebot überhaupt bewältigen kann. Christian Lorenz, der mittlerweile auch schon seit anderthalb in Stuttgart wohnt, hat jedenfalls auf dem Podium eingestanden, erst einen Bruchteil gesehen zu haben. Jetzt ist beileibe nicht jeder Stuttgarter Bürger so kulturinteressiert wie Lorenz. Also, Hand aufs Herz, wie viele Kultureinrichtungen haben Sie schon von innen gesehen? Wie viele gibt es überhaupt? Tritt der von Petra von Olschowski prophezeite, apokalyptische Dominoeffekt, also der Niedergang der Kultur in Stuttgart tatsächlich ein, wenn ein, zwei Einrichtungen von der Landkarte verschwinden (was sie nicht werden)? Oder entsteht daraus nicht auch eine Chance, ähnlich wie in Detroit, wo seit Neuestem die kreative Klasse Amerikas hinpilgerten? Jean-Baptiste Joly hat dieses Beispiel zwar nicht ganz ernst gemeint, doch einen wahren Kern hat es allemal. Mal im Ernst, von den jungen Kreativen schert sich doch niemand darum, ob es in Stuttgart den WKV gibt oder nicht. Genauso wenig zieht jemand nach Berlin, weil er die Museumsinsel so cool findet. Das ist doch bloßes Wunschdenken der Kulturbetriebe.
4. Jede Stadt bekommt das, was sie verdient. Wenn das Geld für „avancierte Kunst“ in Stuttgart tatsächlich ausgeht und alle nach München abwandern, wo, wie Joly sagt, antizyklisch gehandelt werde (also Kulturgelder nicht gekürzt, sondern um Millionenbeträge erhöht werden), dann steht es doch jedem frei, nach München zu ziehen. Und wenn dann die Stuttgarter Politiker merken, dass die Kürzung des Kulturhaushalts doch ein Fehler war und wieder mehr Geld in die Kultur stecken, werden die Exil-Stuttgarter auch schon bald wieder ins Ländle zurückkommen. Und dann beginnt das Spiel von vorne…

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6 Comments on “Kürzungen: Jeder bekommt was er verdient.”

  1. 1 Alexandra Köpf said at 11:23 on 8th Oktober, 2009:

    Sehr geehrter Herr Kopp,
    natürlich steht es jedem frei der Kultur wegen nach München zu ziehen und dann auch wieder zurück. Dies ist eine durchaus interessante Idee.
    Das Kürzungen nicht akzeptiert werden müssen dafür gibt es zahlreiche Beispiel (die Verhandlungen der IG Metall sind ein immerwiederkehrendes Beispiel dafür). Also, wo sitzt die Lobby? Streik!
    Die Inszenierung einer öffentlichen Sitzung des wohlwollend kenntnisnehmenden KulturAusschußes ist Schmierentheater und Drohkulisse zugleich. Erpressung. Warum aber kein Konjunkturpaket für die Kultur? Kultur ist ein gewachsener Begriff und ebenso die dazugehörige Szene.

  2. 2 Jan Löchte said at 12:25 on 8th Oktober, 2009:

    Warum um alles in der Welt sollte jemand nach Stuttgart zurückkommen, der einmal weggeht?
    Ich, als einer der vielen sogenannten “jungen Kreativen”, habe absolut Interesse an einer Vielfalt, auch wenn ich mir nicht ständig alles anschauen kann.
    Und mich interessiert sowohl der WKV als auch die Museumsinsel, auch wenn das übrigens zwei ziemlich unterschiedliche Kategorien sind. Schließlich geht es immer auch um ein Gesamtklima, nicht nur um einzelne Einrichtungen. Und für dieses Gesamtklima sind nun mal Institutionen ebenso wichtig wie Galerien, Vereine, kleinere freie Projekte, Künstler und alle Rezipienten.

  3. 3 a2k said at 15:58 on 8th Oktober, 2009:

    Ich will in einem lebenswerten Stuttgart leben: Dazu gehört für mich ein so breites Kulturangebot, das ich gar nicht überblicken muss, das mir mir aber verschiedenste Ein- und Ausblicke ermöglicht und mich immer wieder anregt und in Frage stellt.
    Da würde ich mir auch wünschen, dass unseren Politikern gerade in der Krise KULTUR, BILDUNG und SOZIALES wichtiger ist als ein neuer Tunnel und der Kuchen entsprechend neu zugeschnitten wird.
    Was wir jetzt brauchen ist Kulturwachstum!

  4. 4 Hans D. Christ said at 18:33 on 8th Oktober, 2009:

    Sehr geehrter Herr Kopp,

    Hier haben wir es mal wieder mit einem dieser Klassiker zu tun: Wenn die Sache keine populistische Relevanz erlangt, fehlt scheinbar der Bürgerwille und dann hat die Politik ihren legitimen Handlungsspielraum Teilinteressen abzuschaffen. Glücklicherweise ist Demokratie nicht so banal, was die Bürger Stuttgarts in letzter Zeit eindrücklich bewiesen haben.

    Ob die jungen Kreativen nach Berlin gehen, weil es dort eine Museumsinsel gibt, darf tatsächlich bezweifelt werden. Sie gehen dort allerdings wegen einer internationalen, kreativen Milieubildung hin, die ihre Vernetzung unter anderem auf der Basis der Heterogenität kultureller, öffentlich subventionierter Angebote organisiert. Ihr Geld verdienen sie aber nicht in Berlin, sondern im Rest der Republik, warum ist bekannt: arm aber sexy.

    Allerdings ist Berlin, München oder Detroit hier auch nicht das Thema, sondern Stuttgart. Natürlich ist die Vernetzung im Kulturbereich bisher mehr eine informelle, sehr pragmatische Unterstützung auch von jungen Kreativen (Wie dies funktioniert, siehe weiter unten.) als die Ausbildung eines diskursiven Felds. Dieses herzustellen wäre das eigentliche Ziel und die Behauptung einer Qualität, die Profil gebend wäre. Allerdings wird diese Debatte jetzt erst angezettelt. Es geht um die Bestimmung einer programmatischen Struktur zwischen den in Stuttgart vorhandenen, kulturell aktiven Institutionen und Personen, die nun einmal hier sind, hier ihren Aktionsradius haben und diesen von hier aus lokal, regional und international verknüpfen. Es geht ergo nicht um die Frage, wo irgendwelche Einzelpersonen hingehen, sondern um eine etwas abstraktere Größe, die Gemeinschaft, Urbanität und Interpretation von lokalen Infrastrukturen heißt, die in Hinblick auf die Zukunftsentwürfe einer Stadt entwickelt werden müssen.

    Zu den praktischen Vorschlägen und konkreteren Anmerkungen:
    - “Staatstheater geben 100.000 Euro an WKV”:
    Öffentliche Subventionen sind Zweckgebunden. D.h., selbst wenn die Staatstheater uns was schenken wollten, dürften sie es nicht und wir dürfen diese Mittel nicht annehmen, da es sich sonst um einen Subventionsbetrug und / oder Verstoßes gegen das öffentliche Vergaberecht handelt. Und Solidarität ist im Übrigen keine Weihnachtsfeier!

    - „Wer dieses Angebot tatsächlich bewältigen kann.“:
    Es geht doch nicht darum, dass jeder überall hingeht. Der Erfolg von Städten wie München, Frankfurt, Hamburg, Düsseldorf etc basiert auf der entsprechenden Heterogenität und einer klassischen wie innovativen Ausrichtung. Hier werden Communities gebildet und Interesse geleitet Publika aufgebaut. „Ob die eine oder andere Institution wegfällt und ob dies bemerkt wird oder nicht,“ ist in diesem Zusammenhang eine der typischen Pauschalisierungen, die so gar nichts mit der Ausdifferenzierung von Öffentlichkeiten zu tun hat. Gemeinschaft ist kein großes Ganzes, sondern ein extrem komplexes Gebilde von unterschiedlich geleiteten Interessen, die sich temporär an bestimmten Schnittmengen abbilden, in Kommunikation treten und aktiv werden.

    - “Tritt der Apokalyptische Dominoeffekt, also der Niedergang der Kultur in Stuttgart tatsächlich ein, wenn ein, zwei Einrichtungen von der Landkarte verschwinden (was sie nicht werden)?”
    Mit dem Dominoeffekt ist neben den Auswirkungen, die die Reduktion der Eigenmittel auf die Einwerbung von Drittmitteln hat (http://www.e-stuttgart.org/30/09/2009/zur-situation-des-wurttembergischen-kunstvereins/), folgender sehr simpel nachvollziehbarer Zusammenhang gemeint: Der WKV wirbt erhebliche Projektmittel ein, die nur im Kontext dieser Projekte ausgeschüttet werden können. Dieses Geld wird hier ausgegeben, und insbesondere verdient, neben dem regionalen Mittelstand, das so genannte Prekariat der jungen Kreativen hieran. Letztere geben ihr Geld wieder in artverwandten Bereichen, für eigene kreative Produktionen und / oder im Rahmen von Projekten wie „White Heat“ aus, die wiederum eine milieubildenden Szene entwickeln. Diese hat auf den ersten Blick nichts mit dem Kunstverein zu tun (muss sie auch nicht), speist sich aber unter anderem aus dessen Ressourcen (neben Diskurs, Verdienstmöglichkeiten und Sachmittel). Der Möglichkeitsraum entsteht folglich auf der Basis der beschriebenen, komplexen Verästelungen. Wenn der Kunstverein aufgrund der Kürzung sein Programm reduziert, dann verschwindet er nicht, aber die feinen Verästelungen trockenen aus (lokal wie global) und der Effekt schlägt sich dann in beide Richtungen nieder. Der Kunstverein verliert einen wesentlichen Kontext, die neuen Milieus. Die neuen Milieus bilden sich nicht mehr am Standort aus, da die entsprechende Dichte und Dynamik der Rückkoppelung mit den gesetzten Kulturanbietern fehlt. Was dann verschwindet, sind nicht die Kulturanbieter, sondern die informellen Strukturen, die Politik und die etablierten Institutionen gar nicht motivieren müssen, aber durch ihr Handeln am Standort ermöglichen können. Erst wenn man diese Wechselwirkungen anerkennt, wird verstehbar, was die Rede vom Dominoeffekt meint und welche verheerenden Auswirkungen es hat, wenn diese Dynamiken wegfallen. Gleichzeitig wird in dieser Figur aber auch deutlich, was möglich wäre, wenn diese Verästelungen ausgebaut und potenziert werden. Es ist völlig unerheblich, ob die jungen Kreativen in den WKV gehen (abgesehen davon, dass sie längst kommen), aber als “Hub”, als Knotenpunkt bildet der WKV, ähnlich wie das Künstlerhaus und andere Anbieter, effektive Plattformen aus, die direkte Effekte zeitigen, ohne deren Wirkung in klassische Zielmuster zu kanalisieren. Ich glaube, so entwickelt man kreative Milieus, und dies wäre doch in einer Stadt, die eine Merz Akademie, die Staatlichen Akademie der Bildenden Künste, die Kunststiftung BW und die Akademie Schloss Solitude hat, ein zukunftsträchtiges gangbares Modell – oder?

    Mit freundlichen Grüßen
    Hans D. Christ

  5. 5 Axel Kopp said at 01:03 on 9th Oktober, 2009:

    So, eins nach dem anderen:
    @ Alexandra Köpf: Sie setzen an einem Punkt an, wo ich nicht ansetzen wollte. Nämlich bei der Frage, ob man es akzeptieren muss. Auch ich hätte mir ein Konjunkturprogramm für Kultur (insbesondere für die Kulturwirtschaft) gewünscht, denke aber, dass dieser Wunsch schlichtweg unrealistisch ist. Man muss ja auch sehen, dass in München an anderen Stellen gekürzt wird, und diese Betroffenen nicht gerade „amused“ sein werden, wenn die Kulturschaffenden gleichzeitig mehr Geld bekommen. Insofern finde ich das Kürzungsverfahren in Stuttgart gerechter, wenn auch nicht besser.

    @ Jan Löchte: Ich bin ein großer Fan von kultureller Vielfalt. Das Problem ist nur, dass sie Geld kostet. Das ist okay, so lange es Menschen gibt, die sich dafür interessieren und die Ausstellungen etc. besuchen. Die Relation muss halt stimmen. Da würden Sie jetzt wahrscheinlich sagen, dass sie nicht mehr stimmt, ich denke, die Kürzungen liegen noch im Rahmen. Warum jemand nach Stuttgart zurückkommen sollte? Gegenfrage: Was hält Sie in Stuttgart?

    @a2k: Wie gesagt, das war nicht mein Thema.

    @Hans D. Christ: In anderen Bereichen wird ja auch gekürzt, und die machen sicherlich auch keine Freudensprünge. Also, nicht nur das Feuilleton lesen!
    „Vernetzung“ ist ein gutes Stichwort! Da sollte tatsächlich mehr Geld rein fließen. Wenn dies nicht geschieht, bin ich gespannt, ob sich der alte Spruch „Not schweißt zusammen“ sich bewahrheitet. Wäre wünschenswert!
    Das öffentliche Subventionen zweckgebunden sind, ist mir klar. Und dass das Staatstheater so etwas nie machen würde, ist mir auch klar (die bezahlen ja nicht mal ihre Praktikanten). Es ging mir vielmehr um den Gedanken, der dahinter steckt: Solidarität. Und um den Willen, dass sie es tun würden, wenn es ginge. P.s. Wie bitte, Solidarität ist keine Weihnachtsfeier??? Aber den Weihnachtsmann gibt es schon, oder?
    Zum Thema „Kulturangebot“ zwei Zitate aus dem Kulturfinanzbericht 2008: „Stuttgart hatte 2005 mit 144,34 Euro je Einwohner im Bereich Kultur von allen Landeshauptstädten die höchsten laufenden Ausgaben“ und „bei den Großstädten mit über 500 000 Einwohnern meldete Frankfurt die höchsten Pro-Kopf-Ausgaben, 202,57 Euro je Einwohner. Die Großstadt Leipzig folgte mit 182,38 Euro je Einwohner und danach Stuttgart mit 144,34 Euro.“ Frage an Sie: Was wird in den von Ihnen erwähnten Städten „München, Hamburg und Düsseldorf“ besser gemacht? Mangelt es der Kultur in Stuttgart an Geld oder eher an Effizienz und Effektivität?
    Schön, dass Sie mir den Dominoeffekt nochmals erklärt haben. Ich gebe zu, dass es für das „Prekariat der jungen Kreativen“ eine schwierige Zeit wird. Allerdings zweifle ich an, dass sich dadurch keine „neuen Milieus“ mehr ausbilden – obwohl ich ihre Argumentation für durchaus schlüssig halte. Gegenargument: Wenn Künstler so rational denken würden, würden sie nicht nach Berlin gehen. Meine Theorie: Wenn die jungen Kreativen eine Stadt cool finden, gehen sie dorthin. Wenn es dort Geld von Kunstvereinen gibt, nehmen sie das dankbar an. Wenn es dort kein Geld von Kunstvereinen gibt, ärgert sie das, aber sie gehen trotzdem dorthin. Aber, und das habe ich oben schon gesagt, ich gebe ihnen Recht, dass die Stuttgarter Kulturszene Geld zur besseren Vernetzung ihrer Einrichtungen braucht.

    Axel Kopp

  6. 6 Ulrike Buck said at 15:44 on 10th Oktober, 2009:

    @Axel Kopp: “Ich gebe zu, dass es für das „Prekariat der jungen Kreativen“ eine schwierige Zeit wird. Allerdings zweifle ich an, dass sich dadurch keine „neuen Milieus“ mehr ausbilden – obwohl ich ihre Argumentation für durchaus schlüssig halte. Gegenargument: Wenn Künstler so rational denken würden, würden sie nicht nach Berlin gehen. Meine Theorie: Wenn die jungen Kreativen eine Stadt cool finden, gehen sie dorthin.”

    Warum wohl, lieber Axel Kopp, finden junge Kreative eine Stadt cool? Ich würde sagen weil sie dort Perspektiven für sich sehen. (Ausstellungsmöglichkeiten, internationaler Diskurs, überregionales Publikum…)
    Ich gehöre zum “Prekariat der jungen Kreativen”, beende gerade mein Kunststudium an der Akademie und verdiene meine Lebens- und Materialkosten tatsächlich größtenteils beim Württembergischen Kunstverein. Der Umstand meines Nebenjobs sollte in dieser Diskussion aber eine untergeordnete Rolle spielen. Dieser Job – so gern ich ihn mache – wird mich sicher nicht in Stuttgart halten, da haben sie Recht Herr Kopp, denn sollte ich in Stuttgart bleiben, würde ich wahrscheinlich in zehn Jahren noch im Kunstverein jobben.

    Stuttgart ist zwar Standort einer nicht gerade kleinen Kunstakademie, verhältnismässig klein ist aber die junge Kunstszene hier. Wo sind die Galerien, die junge avancierte Kunst aus Stuttgart ausstellen? Man kann sie an zwei Fingern abzählen. Und ist Fluctuating Images nicht mangels Unterstützung seitens der Stadt Stuttgart nach Berlin umgezogen?
    Aus diesem Mangel heraus entstehen immer mal wieder vereinzelt temporäre Projekte wie das White Heat, das immerhin von zwei Galerien und einer Institution gestemmt wird. Wer versucht für solche Projekte Räumlichkeiten zu finden und Genehmigungen einzuholen merkt ganz schnell, dass wir hier nicht in Detroit sind.

    An künstlerischem Nachwuchs fehlt es in Stuttgart jedenfalls nicht. Aber es fehlt an Rezipienten. Überregionales oder sogar internationales Kunstweltpublikum (zusammengesetzt aus Künstlern, Galeristen, Kuratoren, Sammlern, Kritikern) ist hier Mangelware. Was gibt es schon Wegweisendes in Stuttgart? Ausstellungen und Projekte des Küntlerhauses, der Akademie Schloss Solitude und des Württembergischen Kunstvereins sind die Ausnahmen.
    Wenn diese Ausstellungen nun durch Kürzungen wegbrechen versinkt die Stuttgarter Kunstwelt vollends im Provinziellen.
    Wer nicht im Kessel vor sich hinwurschteln will sucht lieber das Weite.

    Die Kunstszene braucht dringend ein positives Signal seitens der Stadt, dann besteht Hoffnung dass man irgendwann auch hier sagen kann : Wir können alles außer Hochdeutsch…

    P.S. Was zählt eigentlich alles zum Kulturfinanzbericht? Der Wasen?

    U B


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