Kulturpolitisches Forum für Stuttgart

Offener Brief der Sachkundigen Bürger im Kulturausschuss der Stadt Stuttgart

Posted: Freitag 30 Oktober 2009 | Author: | Filed under: Artikel, Kulturpolitik | Tags: , , | 1 Comment »

Kürzungen im Bereich Kultur für den Haushalt 2010/2011

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Schuster,
sehr geehrter Herr Bürgermeister Föll,
sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Dr. Eisenmann,
sehr geehrte Damen und Herren –

Nachdem nun neben den Vorschlägen der Kulturbürgermeisterin, Frau Dr. Eisenmann, auch die Haushaltsanträge der Stuttgarter Gemeinderatsfraktionen für die Jahre 2010/2011 zur Diskussion vorliegen, wenden wir uns mit diesem Appell an Sie, der verbunden ist mit der dringenden Bitte, die Bereiche Bildung, Soziales und Kultur aus dem Kürzungs- und Sparprogramm der Stadt auszunehmen.

Wie die aktuelle Situation zeigt, steht die Landeshauptstadt Stuttgart – sowohl was die wirtschaftliche Situation angeht, als auch was die gesellschaftliche Dimension betrifft – vor einschneidenden Veränderungen. Das Thema Mobilität wird in Zukunft möglicherweise weniger eine Frage des Autoverkehrs sein, als eine Frage der inneren Einstellung, der Flexibilität einer Gemeinschaft, aber auch ihrer Möglichkeiten, auf die neuen Herausforderungen, die sich stellen werden, zu reagieren. Um diese Anforderungen im Sinne einer offenen, wachen, innovativen Gesellschaft zu meistern, bedarf es gerade jener Bereiche städtischer Politik, die in Stuttgart eher zu den schwachen zählen: Soziales, Bildung und Kultur – alle drei eng miteinander verbunden und verknüpft.

In diesem Zusammenhang stellt sich für uns die grundlegende Frage, welche Vision von einer multinationalen Großstadt der Gemeinderat mit den aktuellen Kürzungen verfolgt und welche Rolle Kunst und Kultur für die Zukunft dieser Stadt, die als Landeshauptstadt Leuchtturmfunktion hat, spielen sollen. Als erhebliches Problem in dieser finanziell schwierigen Zeit erweist sich nun, dass die Stadt nie eine Kulturkonzeption entwickelt hat, die die wichtigsten inhaltlichen Entwicklungslinien
beschreibt und festlegt.

Trotzdem lassen sich bestimmte Kennzeichen feststellen: Traditionell vertritt die Landeshauptstadt Stuttgart einen eng gefassten Begriff von Kulturpolitik, der sich in den letzten Jahren – bis auf wenige Ausnahmen – darauf beschränkt hat, wohlwollend auf Initiativen von einzelnen Personen oder Gruppen aus der Kulturszene mit Förderungen zu reagieren. So ist in den letzten 25 Jahren eine einmalige Kulturlandschaft entstanden, in der neben den großen staatlichen oder städtischen Institutionen Projekte wie das Theaterhaus, die Bachakademie, das Literaturhaus oder etliche kleine Kunst-, Literatur-, Musik-, Film- und Theaterinitiativen entstehen und wachsen konnten. Zwar setzten der Oberbürgermeister mit dem Bau des Kunstmuseums und der Gemeinderat mit der Gründung von Innovationsfonds einige Akzente, eine gemeinsame Linie im Sinne einer kulturpolitischen Haltung war jedoch nicht festzustellen. Trotzdem konnte Stuttgart aufgrund des großen Engagements zahlreicher Kulturschaffender im nationalen Vergleich der deutschen Hauptstädte bei Umfragen zuletzt mehr und mehr punkten – gerade die Lebensqualität hatte sich aufgrund einer kreativen Atmosphäre sehr verbessert.

Spätestens ab dem Moment, ab dem die städtischen Gelder nicht mehr ausreichen, um den Erfordernissen aller Kulturinstitutionen zu folgen, wird der Mangel an Kohärenz dieser Politik nun aber sichtbar.

Die sachkundigen Bürgerinnen und Bürger im Kulturausschuss wünschen sich eine offene Diskussion mit den verantwortlichen Politikern dieser Stadt über eine übergreifende und kohärente Kulturpolitik, die sich dessen bewusst ist, dass „Kunst und Kultur Teile des Wandels von der Industrie- über die  Dienstleistungs- zur Wissensgesellschaft sind“ (Schlussbericht der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“, Deutscher Bundestag, Dezember 2007) und die daher für die Zukunft der Landeshauptstadt Stuttgart von essentieller Bedeutung sind.

Wir bitten Sie daher dringend zu prüfen, ob die Kürzungen im Bereich Kunst und Kultur im Verhältnis zu den gesamten Haushaltsmitteln und den neu aufzunehmenden Schulden abgewendet werden können und ob die Landeshauptstadt Stuttgart nicht vielmehr gerade in dieser Situation Akzente setzen sollte, die den Weg hin zu einer Wissensgesellschaft weisen. Der Schaden, der zu entstehen droht, ist größer als der im Haushalt eingestellte Sparbetrag.

Mit freundlichen Grüßen

Die sachkundigen Bürger im Kulturausschuss:
Heinz Baitinger, Petra Bewer, Renate Brosch, Siegfried Eipper, Marianne Gassner, Ronald Grätz, Andreas Hausmann, Dr. Ludger Hünnekens, Peter Jakobeit, Jean-Baptiste Joly, Bea Kießlinger, Bettina Klett, Franziska Kötz, Axel Meffert, Petra von Olschowski, Sandro Parrotta, Michael Preiswerk, Gabriele Röthemeyer, Ralf Schübel, Mini Schulz, Matthias Vosseler, Paul Woog

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One Comment on “Offener Brief der Sachkundigen Bürger im Kulturausschuss der Stadt Stuttgart”

  1. 1 Jacqueline von Manteuffel said at 08:48 on 2nd November, 2009:

    Offener Brief an
    Herrn Oberbürgermeister Dr. Schuster
    Frau Bürgermeisterin Dr. Eisenmann
    Frau Kulturamtsleiterin Dr. Laufwitz-Aulbach
    die Kulturausschüsse der Stadt Stuttgart

    Auch unserem Stuttgarter Oratorienchor soll auf Vorschlag von Frau Dr. Eisenmann die städtische institutionelle Förderung gestrichen (nicht nur gekürzt) werden. Das hat uns natürlich entsetzt. Ich möchte Ihnen hier einige Überlegungen von unserer Seite zur Kenntnis geben.
    Nur Jammern hilft ja bekanntlich nicht!

    Mit Interesse habe ich einen Artikel in den heutigen Stuttgarter Nachrichten gelesen: Nachhaltigkeit hat oberste Priorität. Diesem Gedanken kann ich nur zustimmen. Und um diese Nachhaltigkeit geht es auch in unserem Chor.

    Unsere Fördermittel von ca. 13.000 € sollen ganz gestrichen werden. Dies gefällt uns natürlich ganz und gar nicht, aber wir sehen auch ein, dass jede und jeder beim Sparen seinen Beitrag leisten muss. Eine Komplettstreichung wäre aber das AUS für jegliche nachhaltige kulturelle Arbeit in unserem Chor, der immerhin schon 162 Jahre zum Stuttgarter Kulturleben gehört – und das immer aufgrund bürgerschaftlichem Engagements und Ehrenamtlichkeit! Natürlich haben auch unsere Köpfe geraucht und wir haben überlegt, wie wir was einsparen können.

    Wir könnten die Mitgliederbeiträge erhöhen, allerdings muss das in einem Maße geschehen, dass auch ältere Menschen, Studenten und Menschen mit sehr wenig Einkommen weiterhin bei uns singen können. Wir haben da auch eine starke soziale Verantwortung.

    Wir könnten „billigere“ Solisten engagieren: das geht nicht, weil unsere Solisten schon für ein erstaunlich kleines Honorar auftreten – aus Freude an der Musik, am Chor, an der Gelegenheit, ein zusätzliches Konzert zu haben. In 90% der Fälle sind sehr junge, aufstrebende Solisten auf unserer Liste, die für wenig Geld noch zu bekommen sind (Gagen zwischen 300 und 500 €). Ausnahmen gibt es schon, aber die werden dann von einem oder mehreren Spendern bezahlt.

    Wir könnten die Gagen des Orchesters kürzen: das geht auch hier kaum, denn die Mitglieder des Staatsorchesters können gegen eine sehr geringe Gage mtiwirken, weil sie ja auch ein festes Einkommen haben. Kleinere Orchester können nicht die Lösung sein, da grosse Oratorien auch grosse Besetzungen benötigen.

    Wir könnten die Eintrittspreise erhöhen: das geht auch nur limitiert – denn sind die Preise zu hoch, kommt auch weniger Publikum und die Einnahmen bleiben am Ende gleich. Bisher schaffen wir es, den Beethovensaal zu ¾ im Weihnachtskonzert zu verkaufen. Das ist wunderbar und sollte auch weiter möglich sein. Nicht alle Konzertbesucher können sich die Preise eines „Meisterkonzertes“ bei Russ leisten.

    Wir könnten das Honorar des künstlerischen Leiters kürzen: das ist nicht machbar, da er jetzt schon zu einem sehr geringen Honorar und einer unglaublichen Anzahl an zusätzlichen Einsatzstunden (Extraproben, Chorwochenenden, Konzertreisen) unentgeltlich übernimmt.

    Wir könnten die Mieten für Probenräume kürzen: das geht nicht, weil auch diese für uns vom Kulturamt getragen werden – wir proben in der Schlossrealschule. Wird der Zuschuss gestrichen, hätten wir sogar Mehrausgaben zu tragen. Auch Mieten für Kirchen und die Liederhalle sind Fixkosten. Die Liederhalle würde sogar teurer durch den Wegfall der Förderung!

    Unser Vorschlag, mit dem wir weiter existieren könnten und mit dem wir nicht unseren Chor sterben lassen müssten – nach 162 Jahren! – wäre eine Kürzung der Mittel um 5% bis höchsten 10%. Dies könnten wir durch Mitgliederbeiträge ausgleichen und damit weiter unsere 3 sehr gut besuchten Konzerte in Stuttgart ausrichten.

    Der Chor darf nicht sang- und klanglos (im Sinne des Wortes) untergehen. Das wäre eine Schande für Stuttgarts Kulturlandschaft.

    162 Jahre sind ein deutlicher Beweis für Nachhaltigkeit.
    Bitte unterstützen Sie unser Anliegen.


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