Kulturpolitisches Forum für Stuttgart

Stuttgarter! Noch eine Anstrengung wenn ihr Kunstfreunde sein wollt

Posted: Mittwoch 14 Oktober 2009 | Author: | Filed under: Artikel, Kulturpolitik | Tags: , , , , , , , | 1 Comment »

Haushalt tiefer hängen – Kultur systemrelevant
Gestern vor einer Woche begrüßte die Kulturbürgermeisterin Dr. Eisenmann die Mitglieder des Ausschusses für Kultur und Medien, dem auch 22 „sachkundige EinwohnerInnen“ angehören wie eine Chefin. (Mehr Infos zu den Sachkundigen unter http://www.stuttgart.de/item/show/305802/1/dept/112649 ). Auf die erste Wortmeldung von Herrn Joly, der im Namen der Sachkundigen sprach (die hatten sich im Vorfeld der Sitzung auf fehlende Informationen seitens der Stadt verständigt), verschob sich der Ton der Vorsitzenden Eisenmann ins Aggressive. Sie setzte an die Stelle eines Angebots zu Gesprächen und Beteiligung sofort die Androhung, dass im Falle eines Scheiterns des Haushalts die Kürzungen deutlich schlimmer ausfallen würden. Dieser persönliche Eindruck wurde mir anschließend von allen bestätigt, mit denen ich sprach. Eine Erfahrung, die nicht nur kulturpolitische sondern ganz allgemein absolut politische Fragen aufwirft.

Der „Haushalt“ hat seit einigen Jahren in einem völlig irrationalen Maß (im Bund, in den Ländern oder eben hier auf kommunaler Ebene) an argumentativer Bedeutung zugelegt, so dass ich als mündiger Bürger nur auf eine völlig verquere Umkehrung von Mittel und Zweck schließen kann. Festzustellen bleibt: Der Haushalt kann niemals Zweck sondern nur Mittel sein, Mittel dazu, das Gute, das Gerechte zu tun, das heißt im Hinblick auf Soziales, Bildung und Kultur das Richtige zu tun. Dagegen stelle ich heute ein völlig unreflektiertes Primat des Haushalts-Denkens fest. Von diesem Primat ausgehend, wird richtig und falsch, gut und schlecht, gerecht und ungerecht einfach umgekehrt. Der Haushalt an sich soll das Gute sein. Ein solches Denken entwertet „unsere“ Bereiche permanent, indem unter Hinweis auf den gesunkenen Wert, rein haushaltlich gedacht, weiter entwertet (weiter gekürzt) wird.
Da hilft auch der Hinweis auf „schwere Versäumnisse“ (Michael Kienzle, Grüne) in Bezug auf die Kulturförderung in guten Zeiten, als es die finanziellen Spielräume gab, wenig. Immerhin hebt er sich deutlich ab vom Parteifreund der Frau Eisenmann. Jürgen Sauer (CDU) meinte, es sei doch völlig in Ordnung, wenn man in guten Zeiten gibt und dann in schlechten Zeiten wieder nimmt. Also eine Vorstellung von Kunst und Kultur als Accessoire, das man je nach Kassenlage an- oder ablegt. Aua aua aua…
Als Mitglied des Württembergischen Kunstvereins und der Oberwelt e.V., aber auch als interessierter und emanzipierter Bürger der Stadt Stuttgart bringe ich hier meine entschiedene Ablehnung gegenüber den von der Verwaltung (speziell Referat KBS) vorgeschlagenen Kürzungen zum Ausdruck.
Vom Gemeinderat erwarte ich nach seiner neuen Zusammensetzung, also gerade von den Fraktionen, die sich ausdrücklich auf die Freiheit der Kunst § 5 GG (und damit verbunden ihre Pflege und Förderung) verpflichtet haben, dass OB Schuster nach der Haushaltsentscheidung am 18. Dezember nicht wiederholen kann, dass man sich doch außer S21 immer einig war.
Dieser Beitrag hat im Hinterkopf alle anderen Beiträge, die bisher auf e-stuttgart.org zum Thema geschrieben wurden und versteht sich auch als Vernetzung mit diesen eingegangenen Texten. Also: Stuttgarter, noch eine Anstrengung wenn ihr Kunstfreunde sein wollt.

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One Comment on “Stuttgarter! Noch eine Anstrengung wenn ihr Kunstfreunde sein wollt”

  1. 1 Ihr Name Helga Müller said at 15:06 on 19th Oktober, 2009:

    Wer kann sich wirklich darüber wundern, wo doch mit einer Frau Dr. Eisenmann als Kulturbürgermeisterin unserer Stadt, Kultur, bildende Kunst und Avantgarde in den denkbar ungeeignetsten Händen liegen. Die Besetzung des Kulturbürgermeisteramts ist ja letztlich auch eine „politische“ Entscheidung. Man betrachte einmal, wer dieses Amt in den letzten Jahren innehatte…

    Die sogenannten “fachkundigen Bürger im Kulturausschuß, die vorher getroffene Entscheidungen sowieso nur noch “abnicken” dürfen, haben sich gegen diesen Zustand nie entschieden genug und mit EINER STIMME gewehrt und auf Neu-Ordnung gedrängt. Massiver Widerstand – auch mit dem Risiko, evtl. Einflußmöglichkeiten an anderer Stelle einzubüßen – war bisher nicht festzustellen. Wer am Tropf der öffentlichen Mittel hängt, beißt nicht die Hand, die ihn füttert. – Charakter, Mut?

    Die Wahrheit ist doch, daß Kultur und Bildung hierzulande schon lange nicht mehr als das “Salz in der Suppe” gesellschaftlicher Entwicklung begriffen wird. Wen – außer den betroffenen der Kulturszene selbst – würde denn beispielsweise die Schließung des Württembergischen Kunstvereins wirklich „auf die Barrikaden“ bringen? Und haben diese „Selbstausbeuter“ es nicht immer wieder geschafft, trotz Etatkürzungen und notwendigem Personalabbau durch persönlichen zusätzlichen Arbeitseinsatz und Phantasie (die sich bekanntlich am Notstand am besten entzündet), doch irgendwie weiterzumachen? Und gab das den Entscheidern über die Vergabe von Mitteln nicht immer wieder recht, am finanziell und lobbyistisch schwächsten Bereich, nämlich die Kultur, ihre Einsparungen anzusetzen? Wenn Kultur als so etwas wie „nice to have“ begriffen wird (und der Anteil derer in unserer Stadt, die das anders sehen, hat sich ja trotz von Jahr zu Jahr zunehmender Kultur-Events nicht etwa analog vervielfacht) werden die wirklich Betroffenen, wie immer, allein da stehen. Jetzt wird man vielleicht noch ein paar Wochen die Aufschreie der wirklich Kulturinteressierten lesen, dann wird Gras über die Sache wachsen und man geht zur Tagesordnung über. Will heißen: man baut Stuttgart 21.

    Das Problem hat seine Wurzeln im Wirtschaftlichkeitsdenken unserer Zeit; darin, daß auch für die Kultur Zuschaltquoten wie bei „Wetten daß?“ die Meßlatte sind. Anspruchsvolle Kunst, anspruchsvolles Neues Theater, Musik, Literatur – Neues, Ungesehenes, Ungehörtes, Innovatives – hat noch nie die Massen angezogen. Wenn die „Bretter vorm Kopf“ – auch vor dem Kopf der Politiker und Wirtschaftsleute – zum Verschwinden gebracht werden sollen, braucht es grundlegend neue Bildungsmodelle, solche, die nicht die linke Gehirnhälfte weiter füttern, sondern der Entwicklung der künstlerischen, schöpferischen, rechten Gehirnhälfte auf die Sprünge helfen. Dies geht nicht theoretisch, sondern will eingeübt sein. Wenn basteln, spielen, bauen, malen, träumen – Musik machen – singen – als überholte Praktiken der frühkindlichen Bildung in den Kindergärten ersetzt werden sollen durch gezielte Lehrprogramme zur Vorbereitung von Wissensakkumulation, dürfen wir uns nicht wundern, daß wir junge Menschen bekommen, die ihren Hauptlebenssinn im Erreichen möglichst großen finanziellen Reichtums und dem Erstreben von Macht sehen.

    Wir leben in der Schiller-Stadt! Den Politikern wäre die Lektüre seiner „Briefe zur Ästhetischen Erziehung“ dringend anzuempfehlen. Vielleicht sollte man Frau Dr. Eisenmann ein Exemplar schenken!

    Herbert Marcuse schreibt: „Ein ‘Ende der Kunst’ ist nur vorstellbar, wenn die Menschen nicht mehr imstande sind, zwischen Wahr und Falsch, Gut und Böse, Schön und Häßlich, Gegenwärtig und Zukünftig zu unterscheiden. Das wäre der Zustand vollkommener Barbarei auf dem Höhepunkt der Zivilisation – und ein solcher Zustand ist in der Tat historisch möglich.“ (Kulturrevolution und Revolte, Frankfurt 1973)


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