Kulturpolitisches Forum für Stuttgart

Weissenburg vor dem Aus?

Posted: Freitag 30 Oktober 2009 | Author: admin01 | Filed under: Artikel, Situation in den Kultureinrichtungen | Tags: , | No Comments »

Stadt Stuttgart will Zuschuss für den Verein streichen
aus: Weissenburg Schwul-Lesbisches Zentrum Stuttgart, Website

Am 06. Oktober wurde der Vorstand des schwul-lesbischen Zentrums Weissenburg von der Stadt Stuttgart unterrichtet, dass das zuständige Fachamt vorgeschlagen hat, im Rahmen der Haushaltskonsolidierung den Zuschuss für die Arbeit des Vereins komplett zu streichen. Der Weissenburg e.V. erhält seit dem Haushaltsjahr 2002 einen jährlichen Betriebskostenzuschuss von 25.000 € aus der Selbsthilfeförderung. Damit bezahlt der Verein einen Teil der Mietkosten für die Vereinsräume, Kosten für die Öffentlichkeitsarbeit und verschiedene thematische Veranstaltungen.

Das im Erdgeschoss angeschlossene Café trägt sich finanziell selbst und trägt mit seinen Überschüssen zur Finanzierung der Arbeit bei. Die städtische Förderung wurde erstmalig im Haushaltsjahr 2000 aufgenommen, als es dem Verein nicht mehr gelang, mit seinen wirtschaftlichen Aktivitäten die kompletten Mietkosten für die Vereinsräume zu erwirtschaften. Der Verein hat seine Tätigkeit in seinen Räumen am 03. Februar 1996 aufgenommen.Die wirtschaftliche Situation des Vereins ist so, dass eine dauerhafte Finanzierung ohne städtische Zuschussmittel nicht zu gewährleisten ist. Ohne städtische Förderung müssen die Räume aufgegeben und damit die Arbeit des Vereins weitgehend eingestellt werden. Durch den vertraglich vereinbarten Rückbau der Vereinsräume in den Ursprungszustand muss der Verein alle Finanzreserven aufbieten (wenn sie überhaupt reichen) und hat dann keine Ressourcen mehr, um an anderer Stelle neu anzufangen. Es droht auf jeden Fall auch die wirtschaftliche Insolvenz.
Mit der Entscheidung der Landeshauptstadt Stuttgart wäre

• Stuttgarts einziges nicht-kommerzielles Angebot   für Lesben und Schwule Vergangenheit.
• Stuttgart ohne Räume für 20 Vereine der schwul-lesbischen Community mit über 2000 Vereinsmitgliedern
• Stuttgart ohne Räume für nichtkommerzielle Kulturarbeit von Lesben und Schwulen
• Stuttgart ohne nichtkommerzielle Anlaufstelle für Lesben  und Schwule, die mit ihrer sexuellen Identität Schwierigkeiten haben
• Stuttgart ohne nichtkommerzielle Anlaufstelle für junge Lesben und Schwule und deren spezielle Problemlagen
• Stuttgart ohne nichtkommerzielle Selbsthilfeberatungsräume
• Stuttgart ohne eine nichtkommerzielle Bibliothek für Schwule und Lesben
• Stuttgart ohne kostengünstige Veranstaltungsräume für alle Arten von nichtkommerziellen Angeboten nicht nur für Lesben und Schwule
• Stuttgart ohne eine Anlaufstelle der strukturellen Gesundheitsprophylaxe und der HIV-Prävention bei Männern, die Sex mit Männern haben

Die Streichung der Zuschussmittel richtet sich an eine Zielgruppe, die scheinbar diese Förderung nicht mehr benötigt, da sie in den letzten 10 Jahren gesellschaftlich aufgewertet und zumindest auf dem Papier integriert wurde. Sie ignoriert vollständig die Tatsache, dass in Zeiten der Krise gerade Minderheiten zur Zielscheibe der Frustration und mithin Opfer gesellschaftlicher Verwerfungen werden. Die wichtige Vorfeldarbeit durch einen öffentlich zugänglichen und geförderten Raum wird mit einer Streichung unmöglich gemacht. Schwule und Lesben, die selbst durch Arbeitslosigkeit oder Krankheit wenige Kontaktmöglichkeiten haben, wird durch eine solche Entscheidung eine wichtige Möglichkeit sozialer Kontaktaufnahme genommen. Gerade im Bereich der Jugendarbeit erweist sich die Einrichtung als höchst hilfreich, da sie jungen Lesben und Schwulen als Anlaufstelle und Heimat eine hervorragende Möglichkeit zur Identifikation und Selbstmotivation gibt. Diese Aufgabe kann keine kommerzielle Einrichtung und keine von anderen nichtkommerziellen Organisationen betriebene Räumlichkeit bieten. Setzen wir die Streichung der Zuschüsse in den Kontext städtischer Haushaltszahlen zeigt sich, dass diese Entscheidung als klarer Affront gegen die schwul-lesbische Community gerichtet ist: Der Etat der Landeshauptstadt Stuttgart beläuft sich auf 2,5 Milliarden € im Jahr. Die 25.000 € der Weissenburg ins Verhältnis gesetzt würde bedeuten, dass ein Otto Normalverdiener-Familie mit einem Nettoverdienst von 25.000 € im Jahr 25 Cent für den Weissenburg e.V. aufwenden würde und das in vier Raten á 6,25 Cent. 25 Cent ist der Preis für eine Packung Backhefe oder eine Zigarette. In diesem Kontext muss gedacht werden, wer die Entscheidung würdigen will.

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