Kulturpolitisches Forum für Stuttgart

Damit das Denken die Richtung ändern kann

Posted: Sonntag 22 November 2009 | Author: | Filed under: Art Parade, Artikel, Presse | Tags: , , | 2 Comments »

Spardebatte: Warum nicht mal ganz anders? Einige mögliche und einige unmögliche Auswege aus einer verfahrenen Diskussion
Von Susanne Benda, Stuttgarter Nachrichten, 21.11.209

So sieht die Solidarität der Kulturschaffenden aus: Die Staatsoper, von den für 2010/11 geplanten Kultur-Streichplänen der Stadt Stuttgart nicht betroffen, lädt am Montag die kommunalen Institutionen zu einer Diskussion ins Foyer. Dort wird der “Stuttgarter Appell” verabschiedet, mit dem sich alle gemeinsam gegen die Kürzungen wehren. Zum krönenden Abschluss einer Künstlerprozession am Donnerstag, der ersten Stuttgarter “Art Parade”, wird dem Oberbürgermeister und dem Gemeinderat das Papier überreicht.
Was in dieser Woche geschah, war gut und richtig. Und es war ein schlagender Beweis dafür, dass unter starkem Druck von oben selbst Künstler gruppenfähig sein können, die immer egozentrisch sind, weil sie fortwährend das Besondere vor dem Allgemeinen, das Individuelle vor der Masse verteidigen müssen.

Trotzdem bleibt das Gemeinsame so lange bloß Behauptung, bis aus der kollektiven Trauer über die absehbaren finanziellen Verluste und die damit verbundenen Beschneidungen der künstlerischen Spielräume ein aktives solidarisches Handeln geworden ist.

Nicht zu träumen wagen wir von Idealfällen wie etwa dem, dass Theater, denen die Stadt nichts nehmen will, freiwillig Etatkürzungen anbieten, um jene Institutionen zu retten, denen sämtliche kommunalen Gelder gestrichen werden. Kaum zu träumen wagen wir davon, dass sich Chöre, Ensembles, Theater gelegentlich ganz uneitel zusammenschließen, um aus geteiltem Leid halbes Leid und aus geteiltem Etat doppelten Effekt zu ziehen. Zu träumen wagen wir aber von einer riesigen Kultur-Benefizveranstaltung in großem Rahmen, etwa im – solidarisch gratis zur Verfügung gestellten – Staatstheater oder in der Staatsoper; die Künstler, allesamt Mitglieder Stuttgarter Kulturinstitute, träten umsonst auf, und für die hohe Qualität würden die Bürger gerne ebenso gerne zahlen, wie sie womöglich einen “Stuttgarter Kulturcent” akzeptierten, der auf jedes Ticket für jede Stuttgarter Kulturveranstaltung draufgeschlagen würde.

Beide Einnahmen zusammen bildeten einen finanziellen Grundstock, mit dessen Hilfe sich ein Kulturfonds bilden ließe oder eine neue Kulturstiftung. Bürgerschaftliches Engagement wäre die Basis dieser Hilfseinrichtung, und warum sollte es nicht möglich sein, die Stadt zur Anerkennung dieser Leistung und zur Zustiftung etwa in der Weise zu bewegen, wie sie zuletzt in Freiburg die Theaterfreunde anregten? Dort gibt die Kommune zu jedem privat gespendeten Euro einen halben dazu. Auch in Bietigheim wurde vor einem halben Jahr ein ähnliches Modell initiiert.

Bei der Diskussion in der Staatsoper war mehrfach vom “Tunnelblick” der städtischen Kulturpolitik die Rede. Doch ein solcher findet sich auch unter den Kulturschaffenden selbst. Hier sind die Bösen, dort die Guten; die einen geben, die anderen nehmen. Warum kochen da so viele, nachdem sie zuvor das “Wir” emphatisch hochhielten, in Gesprächen mit den Gemeinderatsfraktionen doch nur wieder ihre eigenen Süppchen? Und warum sprechen sie immer nur mit den kulturpolitischen Sprechern der Fraktionen, anstatt gemeinsam mit deren Wirschaftsexperten über Modelle nachzudenken, welche die geplanten Kürzungen ausgleichen oder zumindest im Rahmen halten könnten? Den Beweis dafür, dass Krisen Kreativität freisetzen, sind Stuttgarts Kulturinstitutionen ihrer Stadt noch schuldig.

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2 Comments on “Damit das Denken die Richtung ändern kann”

  1. 1 Iris Dressler said at 17:07 on 22nd November, 2009:

    Lieber Frau Benda,

    Sie sagen, Künstler seien „immer“ egozentrisch. Darf ich dass so verstehen, dass für Sie ein wahrer Künstler nur einer ist, der egozentrisch ist? Haben wir es hier mit einer ontologischen Frage zu tun? Wenn in Ihren Augen Künstler egozentrisch sein müssen, weil sie sonst keine Künstler wären, dann dürften Sie es ihnen ja eigentlich nicht vorwerfen, und Egozentrik hätte für Sie einen positiven gesellschaftlichen Wert. Es sei denn natürlich, Sie hielten Künstler per se für eine gesellschaftsschädigende Spezie.

    Sie schreiben ferner, Künstler sein nur durch „starken Druck von Oben“ gruppenfähig. Haben Sie wirklich noch nie davon gehört, dass Künstler längst und auf vielfältigste Weise in Kollektiven arbeiten, sich (und zwar nicht nur mir anderen Künstlern) vernetzen, dass es den Begriff Künstlergruppe gibt? Haben Sie wirklich noch nie davon gehört, dass Künstler die Trennung zwischen Kunst und Gesellschaft radikal aufgebrochen haben, dass sie den Begriff des autonomen Künstlers, wie den des autonomen Werks, vor mehr als einem halben Jahrhundert grundlegend in Frage gestellt haben? Haben Sie wirklich noch nie davon gehört, dass Künstler unabhängige und partizipatorische Räume des Denkens und Handelns geschaffen haben, sich für gesellschaftliche Missstände und Ausgrenzungen einsetzen? Und wenn Sie jetzt zum ersten Mal davon hören, glauben Sie allen Ernstes, dass dies dem „starken Druck von Oben“ geschuldet ist? Aber wahrscheinlich werden Sie sagen, dies alles hat mit Kunst nichts zu tun!

    Künstler, so schreiben Sie, sind deshalb „immer egozentrisch“ weil sie „fortwährend das Besondere vor dem Allgemeinen, das Individuelle vor der Masse verteidigen müssen“. Ist für Sie tatsächlich das Besondere und Individuelle nur durch Egozentrik zu retten? Ist das für Sie alles das Gleiche? Und glauben Sie, dass Künstler den gesellschaftlichen Auftrag haben, mittels Egozentrik unsere, also auch Ihre Individualität, unsere und Ihre Besonderheit zu retten? Widerspricht sich das nicht?

    Sie verlangen von den Künstlern Egozentrik und wollen zugleich nicht nur, dass diese für uns alle das Besondere und Individuelle retten, sondern dass sie sich obendrein auch selbst retten: dass der, der „von Oben“ etwas mehr bekommen hat, es denen gibt, die „von Oben“ etwas weniger erhielten. Sind die „da Oben“ in Ihren Augen unfähig, gerecht zu sein? Und wenn ja, ist für Sie diese Unfähigkeit, weil sie „von Oben“ kommt, unantastbar?

    Sie wagen, wie Sie schreiben, nicht davon zu träumen, dass sich Kultureinrichtungen „gelegentlich ganz uneitel“ zusammenschließen um aus „geteiltem Etat doppelten Effekt zu ziehen“. Glauben sie allen Ernstes, es würde überhaupt noch eine nennenswerte Kulturvielfalt in Stuttgart geben, wenn dies nicht längst Alltag wäre? Ein Rat: Schauen Sie bei Flyern oder Pressemitteilungen doch mal auf das Kleingedruckte.

    Sie fordern bürgerschaftliches Engagement. Auch darauf fußt die kulturelle Vielfalt dieser Stadt längst in hohem Maße: durch zahllose Vereinsmitglieder, ehrenamtliche Mitarbeiter und nicht zuletzt die vielen freischaffenden Künstler selbst.

    Dieses Engagement ersetzt jedoch in keiner Weise die politische Verantwortung, die Freiheit der Kunst zu sichern. Und dazu zählt es auch, die finanziellen Grundlagen (ich betone: Grundlagen) für die Freiheit künstlerischer Ausdrucksformen – ob sie uns gefallen oder nicht – zu gewährleisten.

    Über Jahrzehnte haben wir in unseren Institutionen durch das bürgerschaftliche Engagement, durch Selbstausbeutung, durch Vernetzung, durch das unentwegte Heranschaffen von Drittmitteln Großes leisten können trotz geringer Mittel. Anstatt Anerkennung nun Abstrafung? Wer mit so wenig Geld auskommt, schafft das auch mit noch weniger? Das alles ist sehr frustrierend. Wen sollen wir auf dieser Grundlage noch motivieren, sich zu engagieren?

    Sie werfen den Kultureinrichtungen schließlich vor, Sie würden „in Gesprächen mit den Gemeinderatsfraktionen doch nur wieder ihr eigenes Süppchen kochen“. Waren Sie bei den Gesprächen dabei?

    Mal abgesehen davon, dass sich die Künstler und Kultureinrichtungen mit der Art Parade und im „Stuttgarter Appell“ deutlich und begründet gegen jegliche Kürzungen im Kulturbereich sowie in der Bildung und im Sozialen ausgesprochen haben, fordern wir zurecht ein, dass die Politiker, die über die Zukunft der Kultur in Stuttgart entscheiden, sich mit dieser auseinandersetzen: das heißt mit den Besonderheiten, Leistungen und individuellen Situationen der einzelnen Einrichtungen, und mit dem, was es für diese konkret bedeutet, wenn ihre Etats gekürzt werden. Die Politik sollte doch zumindest wissen, was sie anzurichten gedenkt.

    Die breite Solidarität, die sich in den letzten zwei Monaten in der Kunstszene gegen die geplanten Kürzungen gebildet hat, mag überraschen und, wie ich Ihren Beitrag verstehe, sogar misstrauisch machen. So ganz aus dem Nichts kommt diese Solidarität indes nicht. Es ist ja nicht so, als hätte vor den angedrohten Kürzungen niemand mit niemandem geredet. Und wer glaubt, dass die Kunstszene hier nur aus eitlen, selbstverliebten Köpfen besteht, die nicht in der Lage sind, über ihren eigenen Tellerrand zu schauen, hat die Professionalität, Offenheit und Intellektualität ihrer Akteure gewaltig unterschätzt. Ob und in welcher Form der angestoßene gemeinsame Diskurs weitergeführt wird, wird sich zeigen. Pessimismus und Misstrauen ist jedenfalls nicht die Voraussetzung dafür, sondern der Mut und die Ausdauer für eine langfristige konstruktive Streitkultur.

  2. 2 Mario said at 07:34 on 30th August, 2012:

    Jahaaa ich hab sie ja gestern Abend schon dtriekvieat, meine Herbsttre4ume ;-( Aber stimmt schon und ich muss natfcrlich auch dem Liebsten Recht geben (Ja che9ri, Du hattest AUCH Recht!!!) er hat ne4mlich als erster gestern schon gemeint, dass das keine gute Idee sei mit den Ble4ttern Na ja, ich bin ja lernfe4hig und einsichtig :D Aber aufregen bzw. e4rgern darf man sich trotzdem


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