Kulturpolitisches Forum für Stuttgart

Kunst kommt von Gunst

Posted: Sonntag 22 November 2009 | Author: | Filed under: Art Parade, Artikel, Presse | Tags: , , | No Comments »

von: Anne Guhlich, Stuttgarter Nachrichten, 20.11.2009

Stuttgart – Fünf Millionen Euro will die Stadt Stuttgart 2010 im Kulturbereich einsparen. Die Kunstszene hat am Donnerstag bei der Art Parade gegen die geplanten Kürzungen demonstriert. An dem Zug durch die Innenstadt beteiligten sich laut Polizei 1500 Menschen. Die Szene erinnert an ein Kostümspektakel: Ein blauer Pilz – so groß etwa wie ein Schäferhund – huscht durch die Menschenmassen. Erst bei genauem Hinsehen, kann man einen Mensch unter dem blauen Pilzhut erkennen. Ein als Giraffe verkleideter Stelzenläufer schreitet herum. Dann legt ein Clown den Zug aus ungefähr 1500 Menschen lahm.
Der Grund: Auf der Stoßstange des Polizeiwagens liegt ein Blatt. Mit großen Gesten macht der Clown darauf aufmerksam. Das Publikum am Straßenrand lacht und klatscht. Die Art Parade ist wie ein mobiles Theaterstück. Nur dass es keine freiwillige Inszenierung ist und dass es eigentlich nicht um Unterhaltung geht, sondern um Geld.

Inszeniert wird das Spektakel vom Verein Kunst08+. Vorsitzender ist Ludger Hünnekens, Rektor der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste. Vor vier Wochen haben die Veranstalter bei einer Sitzung beschlossen: Die Sparpläne der Stadt können von der Stuttgarter Kunstszene nicht unkommentiert bleiben.

Zunächst habe man an eine richtige Demonstration gedacht, sagt Projektleiterin Jenny Sturm – also mit den Gewerkschaften und allem drum und dran. Doch dann hat sich der Verein auf die Kernfähigkeit der Kunst besonnen: Kreative und innovative Dinge schaffen. Nicht nur Protest, sondern auch Lösungen wolle man durch die Parade aufzeigen.

Nur – was denn Lösungen sein könnten, das wissen die Art-Parade-Macher selbst nicht so genau. “Schon die Parade ist ein Erfolg”, sagt Tobias Wall vom Organisationsteam.. Die Parade, an der sich rund 150 Stuttgarter Institutionen beteiligt haben, soll ein Zeichen setzen: Mit dem Verein Kunst08+ haben sich nicht diejenigen an die Spitze der Bewegung gesetzt, die unmittelbar von den Kürzungen betroffen sind, sondern in erster Linie private Galeristen. “Wir wollen so die Solidarität der Kunstgemeinschaft zeigen”, sagt die Kunsthistorikerin Jenny Sturm bevor wie sie wieder ans Handy muss. Die Polizei will die Kehrmaschine nicht kehren lassen, weil sie geschmückt ist.

Teil einer längeren Strategie

An eine richtige Unterhaltung wäre in dem Tumult aber ohnehin nicht zu denken. Gerade schieben junge Menschen eine Sackkarre vorbei. Darauf haben sie Boxen geladen. “Freude schöner Götterfunken” tönt aus dem Gerät. Nicht Freude, sondern Bestürzung und nicht Beethoven sondern Bach, heißt es bei der Bachakademie. Diese steht wie das Figurentheater Fitz, das Jes, die Theaterfestivals, die Märchenwoche sowie die Festwoche und der Ausstellungsetat des Württembergischen Kunstvereins auf der Streichliste.

Anderen Institutionen wie dem Eurythmeum, das bisher einen städtischen Zuschuss von 50 000 Euro bekommen hat, sind die Fördergelder komplett gestrichen worden. “Wir sind zwar Nischenkunst”, sagt Bühnenkünstlerin Antonia Neveu. Aber genau das mache ja das Eurythmeum aus. “Es ist die erste und einzige Eurythmiebühne in Deutschland.”

Total gestrichen ist auch die Förderung für das Feuerwehrmuseum in Höhe von 115000 Euro. Dessen engagierte Macher haben sich nicht an der Art Parade beteiligt – offenkundig ist auch in Sachen Protest noch Luft nach oben. Auch in der Frage der Solidarität – im Gegensatz zur Kunstakademie und zum Staatstheater hisste die Musikhochschule am Donnerstag nicht die Art-Parade-Flagge.

“Ohne Gunst ist alle Kunst umsunst”, haben die Kulturschaffenden auf ihre Schilder geschrieben. Und um Oberbürgermeister Wolfgang Schuster von dieser Parole zu überzeugen, gehen Iris Dressler (Co-Direktorin des Württembergischen Kunstvereins), Ludger Hünnekens und Staatsschauspielintendant Hasko Weber am Ende der Kundgebungen in den dritten Stock des Rathauses und überbringen dem OB den eigens formulierten “Stuttgarter Appell”.

Ob die Art Parade mehr als ein buntes Spektakel war, werden die nächsten Sitzungen des Gemeinderats zeigen. Die Parade sei nur ein “fröhlicher Auftakt” gewesen, sagt indes Mitinitiator Georg Winter. “Bisher waren in Stuttgart immer alle so separat”, das soll sich in Zukunft ändern. “Die erste Parade ist nur Teil einer längeren Strategie”, sagt er. Dann hat der Clown das Blatt vom Polizeiwagen entfernt und der Zug zieht weiter.

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