Kulturpolitisches Forum für Stuttgart

Künstler bremsen Verdi aus

Posted: Sonntag 22 November 2009 | Author: | Filed under: Art Parade, Artikel, Presse | Tags: , | 2 Comments »

Von: Inge Jacobs und Jan Ulrich Welke, Stuttgarter Zeitung, 20.11.2009
Stuttgart – Beim Protest gegen die geplanten Kürzungen im städtischen Haushalt haben die Betroffenen am Donnerstag die Qual der Wahl gehabt. Denn statt zu einer gemeinsamen Aktion vor dem Rathaus hatten die Gewerkschaft Verdi und die Organisatoren der “Art Parade” zu zwei konkurrierenden Veranstaltungen in der Innenstadt aufgerufen. “Die Künstler wollten uns nicht dabeihaben”, sagte die Verdi-Mitarbeiterin Christel Meyer zu Berstenhorst. Mit der Dienstleistungsgewerkschaft und ihren Luftballons wollten diese “nichts am Hut haben”. Grund sei das “unterschiedliche Niveau” der Protestaktionen.
Und so kam es, dass Verdi mit dem Stuttgarter Bündnis am Donnerstag um 16 Uhr seine Kundgebung mit laut Polizei 300, laut Veranstalter 500 Teilnehmern auf dem Schillerplatz abhalten musste, derweil die Künstler ihren Protestzug schon um 14 Uhr am Künstlerhaus gestartet hatten und um 16 Uhr, rechtzeitig vor der Sitzung des Gemeinderats, sich mit laut Polizei 1500 Demonstranten auf dem Marktplatz für ihre Anliegen Gehör verschaffen konnten.

“Wir sind, was Demos betrifft, nicht mehr so erfahren”, hat Ludger Hünnekens anfangs in der Reuchlinstraße in ein Megafon gerufen. Auch der Rektor der Kunstakademie dürfte ebenso wenig wie der Staatsopernintendant Albrecht Puhlmann, der Literaturhausleiter Florian Höllerer, der Chef der Kulturgemeinschaft Peter Jakobeit oder Petra von Olschowski, die Geschäftsführerin der Kunststiftung, sonderliche Routine beim Demonstrieren haben.

Protestlindwurm vor dem Künstlerhaus

Sie alle, einige der führenden Vertreter des Kulturbetriebs, reihten sich allerdings ebenso wie rund 1500 andere Kunstschaffende in den Protestlindwurm ein, der sich um 14 Uhr vor dem Künstlerhaus in der Reuchlinstraße in Bewegung setzte. Über die Augusten- und Tübinger Straße erreichte der Zug gegen 16 Uhr den Marktplatz, wo dem OB von Hünnekens, dem Schauspielintendanten Hasko Weber und der Direktorin des Kunstvereins, Iris Dressler, der “Stuttgarter Appell zu den Kürzungen im Kulturbereich” übergeben wurde. “Wir hatten den Eindruck, dass er zumindest physisch innegehalten hat”, sagte Hünnekens anschließend über Schusters Reaktion.

Die Künstler befürchten, dass die Kürzungspläne für die Beratungen zum Doppelhaushalt umgesetzt werden: Dann wären einige Einrichtungen in ihrer Existenz gefährdet. “Contra Musica?”, fragte auf seinen Transparanten das Ensemble Pro Musica. “162 Jahre Stuttgarter Oratorienchor – und jetzt Schluss?” so die Anklage auf einem anderen. Mitglieder dieser Ensembles, die vom Sparkurs betroffen sind, und viele andere Vertreter von Kulturinstitutionen protestieren.

“In Stuttgart wird das genannte Sparziel für einige Einrichtungen das Aus bedeuten, andere werden kaum noch auf dem bisherigen nationalen und internationalen Niveau arbeiten können”, heißt es in dem “Appell”, in dem eine Fortsetzung der finanziellen Unterstützung gefordert wird: “Diese zu verlieren, um kurzfristig angesetzte Sparziele zu erreichen, steht im krassen Widerspruch zu den investierten Mitteln und verspielt leichtfertig einen nachhaltigen Standortvorteil.”

Anschließend wurden Solidaritätsadressen der früheren Bundeskulturstaatsministerin Christina Weiss, ihres amtierenden Nachfolgers Bernd Neumann und von Klaus Zehelein verlesen, dem Präsidenten des Deutschen Bühnenverbands. Zudem mahnte der Hauptredner, der Karlsruher Kunstprofessor Beat Wyss, an, “dass wirtschaftliche Erfolge stets abhängig von kultureller Blüte sind”. “Einerseits ist es ein Riesenerfolg, dass so viele Menschen gekommen sind”, bilanzierte Petra von Olschowski”, “andererseits ist dies eine Trauerveranstaltung”.

Verdi: Geld sinnvoller ausgeben

Zur gleichen Zeit wetterten auf dem Schillerplatz der Verdi-Sekretär Cuno Hägele und Markus Freitag vom städtischen Personalrat gegen das Sparkonzept der Stadt, für das es “gar keinen Grund” gebe. Die Landeshauptstadt habe kein finanzielles, sondern ein politisches Problem. Statt Milliarden in S 21, den Rosensteintunnel oder die LBBW zu stecken, könne man das Geld sinnvoller für den Kinderschutz und die öffentliche Daseinsfürsorge ausgeben. “Wir haben ein riesiges Defizit im Betreuungs- und Bildungsbereich”, sagte Freitag.

Er schlug vor, die Krise durch Vermögensabbau und Schuldenaufnahme zu meistern, statt soziale Strukturen zu demontieren. Jürgen Lodemann, der Vorsitzende des baden-württembergischen Schriftstellerverbandes und Literaturpreisträger der Stadt Stuttgart, kritisierte die Versenkung eines funktionierenden Hauptbahnhofs als “einzigartige Schildbürgerblamage” und plädierte für mehr Jugendgewaltprävention.

Marta Aparicio von der Volkshochschule forderte “bezahlbare Bildungsangebote für alle” und verwies auf 15.000 Unterschriften. Ralf Chevalier vom Gesamtelternbeirat der Kitas zeigte sich besorgt über den geplanten Personalabbau im Jugendamt und darüber, dass trotz steigender Anforderungen durch Einschultest und Sprachförderung nicht mehr Personal eingestellt werde: Nötig seien 300 Stellen.

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2 Comments on “Künstler bremsen Verdi aus”

  1. 1 admin01 said at 16:21 on 22nd November, 2009:

    Was heisst den “Künstler bremsen Verdi aus”? Verdi hat selbst zur Artparade aufgerufen:

    “Die in der Fachgruppe Bildende Kunst der ver.di organisierten Künstlerinnen und Künstler solidarisieren sich ausdrücklich mit allen Kolleginnen und Kollegen. Wir wünschen der “artparade” in Stuttgart große Resonanz, große Aufmerksamkeit und kulturpolitischen Erfolg”

    siehe: https://kunst.verdi.de/aktuelles/presse/artparade

  2. 2 Yaphets said at 19:20 on 29th August, 2012:

    Hallo zusammen,gerade habe ich deisen Artikel gelesen. Mir ist diese Firma im Internet bereits negativ aufgefallen. Ca. 40 € ffcr ein ganz allgemeines, unverbindliches Beratungsgespre4ch ist ffcr mich reine Abzocke. Dass dieses Unternehmen auf den schnellen Euro aus ist, kann man an mehreren Sachen erkennen. Das seltene Lambert-Eaton-Syndrom wird bei der Beratung gar nicht erst in Betracht gezogen, vermutlich aufgrund der deutlich geringeren Patientenanzahl im Gegensatz zur Myasthenia gravis. Die DMG kann sicherlich aufgrund ihrer ca. 3.000 Mitglieder ganz locker ebenso ein qualitatives Telefonat ffchren und Patienten mit allgemeinen Infos versorgen, kostenlose bzw. preiswerte Fachliteratur (z.B. der altbewe4hrte Myasthenie-Leitfaden) mit einbezogen. Und das alles ohne Abzocke!!! Ganz besonders Recherchen bzgl. Behandlungsmf6glichkeiten und spezialisierten Zentren ffcr fcppige knapp 200 € monatlich ist Wucher und nichts anderes als Ausnutzen von schwer kranken Patienten. Mit anderen Worten: Es fehlt an qualifizierten Myasthenie-Zentren!!! Mich wfcrde echt mal interessieren, was dieses Beratungsnetz denn so drauf hat, wenn ich z.B. ein Off-Label-Use-Medikament von der GKV nicht bezahlt bekomme? (z.B. CellCept, Ciclosporin, 3,4 DAP usw.) Hierffcr bin ich doch auf die Hilfe von Personen angewiesen, die absolute Erfahrung im komplizierten Off-Label-Use-Bereich haben. Mit gutem Gewissen kann ich sagen, dass man als Mitglied der DMG beratungsme4ssig hier bestens aufgehoben ist. Es bleibt jedem selbst fcberlassen, wo er sein Geld le4sst. Ich werde deisen Service erst gar nicht in Anspruch nehmen. Ich habe dank der DMG wenigstens andere Patienten kennengelernt. Alleine das und die Versorgung mit Fachliteratur und wertvollen Adressen hierdurch ist ffcr mich der je4hrliche Beitrag allemal wert. Liebe Grfcsse aus der Kaiserstadt AachenJutta Oehlandt


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