Kulturpolitisches Forum für Stuttgart

Stuttgarter Appell zu den Kürzungen im Kulturbereich

Posted: Dienstag 17 November 2009 | Author: | Filed under: Artikel, Downloads | Tags: , | 3 Comments »

Von: Den Künstlern, Kulturschaffenden und Vertretern der Kulturinstitutionen der Stadt Stuttgart

In einer gemeinsamen Initiative wenden sich die Stuttgarter Kulturinstitutionen zusammen mit Künstlerinnen und Künstlern an die Fraktionen des Gemeinderats, die Verwaltung der Stadt und die Öffentlichkeit. Anlass dafür sind die Kürzungen im Kulturbereich, die dem Gemeinderat für die Haushaltsberatungen 2010/2011 vorgeschlagen wurden. Die Umsetzung dieser Vorschläge wäre mit nachhaltig negativen Konsequenzen für das Stuttgarter Kulturleben verbunden. Dieser Appell formuliert deshalb den dringenden Aufruf, den Kulturbereich, der seit vielen Jahren finanziell geschwächt ist, aus der Spardebatte auszunehmen und in die Kultur und damit in die Zukunft der Gesellschaft dieser Stadt zu investieren. Dies ist auch mit der Forderung verbunden, die Kürzungen im Bereich Soziales und Bildung zurückzunehmen, da diese Bereiche unabdingbar mit einer Gesellschaft verbunden sind, die sich auf ihre kulturellen Wertmaßstäbe beruft.

Alle Parteien haben den Bericht der Enquête-Kommission im Jahr 2007 anerkannt. Damit ist die Erkenntnis verbunden, dass der Bestand von Kultur in Deutschland gefährdet ist. Der Bericht betont aber zugleich, dass „Kunst und Kultur Teile des Wandels von der Industrie- über die Dienstleistungs- zur Wissensgesellschaft sind.“

Darüberhinaus benennt Kulturstaatsminister Bernd Neumann sehr präzise die Fatalität und den geringen Effekt jedweder Kürzung: “Die geringen Einsparsummen, die überhaupt möglich wären, stehen in keinem Verhältnis zu dem kulturellen Flurschaden, den man anrichten würde.” (dpa 10.11.09)

In Stuttgart wird das genannte Sparziel für einige Einrichtungen das Aus bedeuten, andere werden kaum noch auf dem bisherigen nationalen oder internationalen Niveau weiter arbeiten können. Eine Großstadt wie Stuttgart aber lebt von der Qualität und Vielfalt ihrer kreativen Szene. Gerade in aktuellen Umfragen über die Lebensqualität in Stuttgart hat sich gezeigt, wie wichtig eine Neuausrichtung der städtischen Politik hin zu Themenfeldern aus den Bereichen Bildung, Soziales und Kultur ist. Stuttgart weist zudem eine einmalige Ausbildungslandschaft in den unterschiedlen Kulturbereichen auf. Die aus diesen entstehenden Szenen bilden sich schon jetzt nicht mehr adäquat in der Stadt ab. Diese nun zu verlieren, um kurzfristig angesetzte Sparziele zu erreichen, steht im krassen Widerspruch zu den investierten Mitteln und verspielt leichtfertig einen nachhaltigen Standortvorteil.

Kürzungen im Kulturhaushalt waren bisher immer mit einem dauerhaften Verlust von Ressourcen verbunden. Es besteht die Gefahr, dass der gesellschaftspolitische Konsens über die öffentliche Verantwortung für Kultur untergraben wird. Kultur ist kein Beiwerk, keine schöne Nebensache. Sie bestimmt unseren Alltag, unsere Identität als Einzelne und als Gemeinschaft. Ohne eine lebendige Kultur fragmentisiert sich unsere Gesellschaft, da sie keine Kommunikationsformen mehr ausbildet, die sinnstiftend wirken können. Gerade in einer multinationalen Stadt wie Stuttgart bildet die Kultur eine zentrale Basis für das Zusammenleben und die Verbindung zu einer globalisierten Welt.

Vor diesem Hintergrund kann und muss Politik auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Verantwortung übernehmen, indem sie die Grundlagen unserer Gesellschaft, zu denen die Kultur gehört, bewahrt und fördert. Umsichtige Kulturpolitik verteidigt die gewachsenen und qualitativ hochwertigen Bereiche des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens und sieht in ihnen auch wirtschafspolitisch relevante Investitionen in die Zukunft.

Das Ziel dieses einmaligen, Sparten übergreifenden solidarischen Zusammenschlusses der Kulturinstitutionen und Kulturschaffenden geht daher über die aktuelle Situation hinaus: Wir fordern eine langfristige, fördernde, den Einrichtungen, Künstlerinnen und Künstlern zugewandte sowie inhaltlich begründete Kulturpolitik.

Die Kulturschaffenden bieten einen umfassenden Dialog mit allen Verantwortlichen und kulturpolitisch Interessierten an, in dem Ziele und Wege einer langfristigen Kulturpolitik für unsere Stadt formuliert werden.

Wir fordern daher auch von der Politik konzeptionelle Ansätze, wie die Landeshauptstadt Stuttgart in ihrem Anspruch auf internationale Relevanz gerade in dieser Situation Akzente setzen kann, die den Weg hin zu einer Kultur- und Wissensgesellschaft weisen.

Ein Konjunkturpaket Kultur ist aus unserer Sicht die richtige Antwort auf die Krise einer rein wirtschaftlich ausgerichteten Gesellschaft.

Die Unterzeichner des Stuttgarter Appells fordern die Gemeinderäte und Gemeinderätinnen daher auf, die Kürzungen im Kulturbereich nicht umzusetzen, sondern vielmehr verstärkt in das kulturelle und soziale Leben der Stadt zu investieren.

Download des Stuttgarte Appels:
s_appell.doc

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3 Comments on “Stuttgarter Appell zu den Kürzungen im Kulturbereich”

  1. 1 Ihr Name Barbara Schönian said at 09:27 on 17th November, 2009:

    der Name des Kulturstaatsministers ist Neumann (nicht mehr Naumann)

  2. 2 wolfgang thiel said at 10:20 on 18th November, 2009:

    stuttgart ist ein überschaubares und kulturell organisches städtchen. das bedeuteted, dass sich die kultur zu einem interaktiven organismus ausgewachsen hat, in welchem für mich jeder ! impuls zählt.
    um die allgemeinplätze zu verlassen: für mich z.b. als bildender künstler sind besonders wichtig und anregend: das literaturhaus, das experi-mentelle theater, ( das römerkastell wurde schon gemeuchelt),die zeitoper, das eclatfestival, die oper, das theaterhaus, das kunstmuseum, swr2…
    mehr kann ich z.Zt. nicht nutzen, verfolge aber die anderen kulturellen aktivitäten, das motiviert ebenso…und macht die stadt für mich lebensfähig.

  3. 3 Adriana said at 08:07 on 1st September, 2012:

    Wikileaks hat vieles fasclh gemacht. Aber im Vergleich zu dem, was da auf Druck der US-Regierung geschieht, sind diese Fehler von Assange und seinen Mitarbeitern wohl das kleinste Problem.


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