Kulturpolitisches Forum für Stuttgart

Der große Ausverkauf

Posted: Mittwoch 9 Dezember 2009 | Author: | Filed under: Artikel, Überregionale Debatte, Kulturpolitik, Situation in den Kultureinrichtungen | No Comments »

Sollen Museen ihre Sammlungsstücke veräußern, um dem Ruin zu entgehen? Das Beispiel Hamburg
von: Hanno Rauterberg in Die Zeit, 3.12.2009

Die Hamburger Museen sind am Ende, und wenn es nach den Regeln der Marktwirtschaft ginge, müssten sie noch heute zumachen, für immer. Doch keines wird geschlossen, und das allein gilt schon als Erfolg. Während sich die Stadt Hamburg vorige Woche ein Sparprogramm in Milliardenhöhe verordnet hat und viele über die scharfen Schnitte klagen, bleiben die Museen weitgehend verschont. Sie müssen jede fünfte Stelle streichen, mehr nicht. Ein Bankrott ist es dennoch.

Wohl in keiner anderen Stadt lässt sich derzeit so eindrucksvoll wie in Hamburg beobachten, was vielen deutschen Museen bevorsteht: Sie werden kaputt geschrumpft. Niemand droht offiziell mit Schließung, und doch ist das Aus allgegenwärtig: das Aushöhlen, Ausdünnen, womöglich bald der Ausverkauf. Räumt die Depots, veräußert Teile eurer Sammlung, nur so kommt ihr wieder zu Geld! Immer lauter werden in Hamburg die Stimmen, die von den Museen verlangen, sich selbst zu Markte zu tragen.

Hubertus Gaßner ist nicht zu beneiden. Er arbeitet in einer der reichsten Städte der Republik, leitet eines der größten Kunstmuseen, die Hamburger Kunsthalle – und weiß doch kaum, wie er im nächsten Monat den Strom bezahlen soll. Er hat keinen festen Etat für Ausstellungen, er hat auch kein Geld für Forschung, selbst für wichtige Restaurierungen braucht er einen Sponsor. Und wenn Gaßner ein Bild oder eine Skulptur kaufen möchte, muss er erst einmal jemanden finden, der ihm den Kauf finanziert. Manchmal gelingt ihm das auch, im vorigen Jahr zum Beispiel, als er zwei Bilder von Christoffer Wilhelm Eckersberg erwerben konnte, einem der wichtigsten dänischen Maler des 19. Jahrhunderts. Zeigen allerdings konnte Gaßner die Werke nicht, denn selbst für gute Bilderrahmen fehlt ihm das Geld.

Rund eine Million Euro Schulden hat die Kunsthalle im vorigen Jahr gemacht, für dieses Jahr wurden zwischenzeitlich fast 1,5 Millionen gemeldet. Und den meisten anderen der insgesamt sieben städtischen Museen in Hamburg ergeht es nicht besser. Erst vor zwei Jahren waren sie entschuldet worden, mehr als 13 Millionen Euro hatte die Kultursenatorin Karin von Welck dafür aufgebracht. Doch schon wieder sind die Museen tief ins Defizit gerutscht, wie kürzlich bekannt wurde. Schon wieder fehlen sechs Millionen. In der Stadt beginnt es böse zu grummeln.

Seit genau zehn Jahren werden die Hamburger Museen als Stiftungen geführt. Das hat den Vorteil, dass sie ihr Geld selbstbestimmter ausgeben können als zuvor. Doch gibt es auch einen gravierenden Nachteil: Die Museen werden nun oftmals wie Unternehmen behandelt und nach ökonomischer Logik bewertet. Während in jenen Städten, die ihre Kunsthäuser den Kulturämtern unterordnen, mögliche Defizite im Dickicht der Haushalte verborgen bleiben, herrscht in Hamburg Transparenz – und harsch wird über ihre Lage diskutiert. »Die Museen müssen sich ganz warm anziehen«, sagt zum Beispiel Karl-Heinz Ehlers.

Ehlers ist einflussreich, saß 35 Jahre lang für die CDU in der Bürgerschaft, noch heute berät er als Sprecher der Kulturdeputation den Senat. Er will nicht verstehen, warum die Museen mit ihrem Geld nicht auskommen – und weiß, wie sich die Misere lösen ließe: »Ich glaube, dass Bilder sich im Foyer von Unternehmen einer größeren Aufmerksamkeit erfreuen als im Keller der Kunsthalle«, sagt Ehlers. Einzelne Werke zu verkaufen zahle sich also gleich dreifach aus: für den Käufer, für die Kunst und für das Museum.

Der Kunsthallen-Direktor Gaßner will sich zu solchen Vorschlägen nicht äußern. Dabei wird er auch im eigenen Haus zum Verkauf gedrängt, von seinem Stiftungsrat, der als Aufsichtsgremium die Kunsthalle kontrolliert. Von diesem wurde Gaßner sogar aufgefordert, eine Liste aller entbehrlichen Kunstwerke vorzulegen.

»Bislang gibt es diese Liste noch nicht«, sagt Jürgen Blankenburg, einer der insgesamt zwölf Stiftungsräte. »Doch wird der Kunsthalle kaum etwas anderes übrig bleiben, als sich von manchen Werken zu trennen.« Das Museum sei chronisch unterfinanziert und brauchte dringend eine Etaterhöhung, sagt Blankenburg. Daran sei im Moment aber nicht zu denken, und so habe der Stiftungsrat andere Optionen geprüft, um die Schulden abzubauen und neue Schulden zu verhindern. »Was sollen wir machen? Die Klos nur noch einmal in der Woche putzen? In den Sommerferien schließen? Den Eintritt verdoppeln?«, fragt Blankenburg. Von der Kulturbehörde werde mitunter vorgeschlagen, einfach weniger Ausstellungen zu zeigen, auch damit ließe sich sparen. Doch was wären die Folgen? Weil nur fünf bis zehn Prozent der Besucher kommen, um die ständige Sammlung zu sehen, würde sich die Zahl verkaufter Tickets drastisch reduzieren. Die Kunsthalle geriete in eine steile Abwärtsspirale, hätte noch weniger Geld, könnte noch weniger Ausstellungen zeigen, was wiederum weniger Einnahmen zur Folge hätte.

Und Drittmittel? Warum bemüht sich die Kunsthalle nicht intensiver um Sponsoren? Da erzählt Blankenburg, wie der Kunsthallen-Direktor Gaßner im vorigen Jahr eigens nach Korea flog, weil dort ein Scheck in Millionenhöhe auf ihn wartete, ausgestellt von einem Sponsor. Gaßner wollte damit eine Picasso-Schau finanzieren. Am Morgen vor der Übergabezeremonie saß er im Hotel beim Frühstück, da setzten sich zwei Abgesandte des Sponsors zu ihm, drucksten erst herum und gestanden Gaßner schließlich, mit dem Scheck könne es nun doch leider nichts werden. Am Tag zuvor war die Lehman-Bank kollabiert. Die Picasso-Schau tat es ebenfalls.

Auch deutsche Sponsoren seien kaum mehr zu gewinnen, sagt Blankenburg. Diese Art der Förderung sei »total zusammengebrochen«. Und schon deshalb müsse sich die Kunsthalle damit anfreunden, einen Teil ihrer Sammlung zu verkaufen, die acht Bilder von Gerhard Richter zum Beispiel. »Viele sagen, Richter sei total überschätzt und die Preise würden bald sinken. Aus meiner Sicht wäre es jetzt der richtige Zeitpunkt, sich von den Bildern zu trennen.« So könnten 40, vielleicht sogar 50 Millionen Euro zusammenkommen, genug, um der Kunsthalle zu einem Kapitalstock und zu mehr Unabhängigkeit von der Politik zu verhelfen. Bislang beträgt das Stiftungskapital 51 Cent, und zwei Drittel des Etats zahlt die Behörde.

Die Kultursenatorin hat sich bislang gegen solche Verkaufspläne gewehrt, doch sind es keineswegs nur mehr Politiker oder Aufsichtsräte, die darüber nachdenken. So kann sich Lisa Kosok, die gleich vier kultur- und stadthistorischen Museen in Hamburg vorsteht, die Veräußerung einzelner Sammlungsstücke durchaus vorstellen. In den USA oder in den Niederlanden sei dies längst üblich, und dort gebe es durchaus vernünftige Regeln, nach denen solche Verkäufe abgewickelt würden. Ähnlich hätte auch Kosoks Kollegin Sabine Schulze, die das auch überregional bedeutende Museum für Kunst und Gewerbe leitet, nichts einzuwenden gegen den Verkauf einzelner Silbertabletts, Fotografien oder Designersessel. »Wir brauchen nicht für jede stilistische Detailentwicklung ein Belegstück«, sagt Schulze. Anders als bei einer Kunstsammlung handele es sich bei den Exponaten ihres Museums in der Regel nicht um Unikate, im Zweifel könne man sie leichter wiederbeschaffen. Allerdings warnt sie auch davor, die öffentliche Hand aus ihrer Verpflichtung zu entlassen. Verkäufe dürften nur dazu dienen, die Museumsstiftung zu stärken. »Ansonsten ist von den Sammlungen bald nicht mehr viel übrig.«

Doch ist nicht heute schon die Erosion beängstigend? Sind die Museen noch Museen? Schulze kann drei ihrer acht Kuratorenstellen nicht besetzen, weiß nicht, woher sie das Geld für Vitrinen und Leuchten und neues Parkett nehmen soll, von großen eigenen Ausstellungen ganz zu schweigen. Wo es aber am Selbstverständlichen mangelt, wo das Museum kein Ort der Forschung und Pflege mehr ist, wo von Bildung kaum mehr die Rede sein kann und alle Aufmerksamkeit sich auf die Spektakelschauen richtet, da verliert das Museum seine Identität und gleicht mehr und mehr einer x-beliebigen Ausstellungshalle. Seine Aufgabe als Archiv, als kulturelles Gedächtnis, als Ort gesellschaftlicher Selbstreflexion büßt es ein. Eine kunterbunte Tutanchamun-Ausstellung, komplett aus Sperrholzkulissen zusammengezimmert und privat organisiert, zieht derzeit in Hamburg Zehntausende an. Was soll man da noch in teure Wissenschaftler investieren? Wozu noch eine eigene Sammlung von Originalen unterhalten?

In Hamburg lässt sich studieren, was passiert, wenn man die Museen aushungert. Wenn man nur noch auf Quoten und aufs Geld schaut. Dann löst sich ihre Bedeutung auf in ökonomische Kennziffern, dann schwindet die Wertschätzung, und schließlich schwinden die Werte selbst. Nichts sind die Museen ohne ihren ideellen Kern, ohne die gelebte Überzeugung, dass wir nicht allein aus dem Heute leben. Wer dieses Ideal verrät, kann auch verkaufen. Am besten gleich alles.

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