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	<title>e-stuttgart &#187; Presse</title>
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		<title>Kontext_Interview mit Susanne Eisenmann</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 12:32:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>tdomf_00b99</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kulturpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Presse]]></category>
		<category><![CDATA[Susanne Eisenmann]]></category>

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		<description><![CDATA[Leserbrief vom 19.07.2011 an die TAZ-Redaktion bzgl. Kontext Wochenzeitung, 15. Ausgabe, 28. Woche/ 16./17. Juli 2011 &#8220;Der Bürger als Gutachter&#8221; von Susanne Eisenmann Ganz abgesehen von der geschlechterungerechten Sprache (&#8220;Der Bürger&#8221;): warum macht sich die Redaktion der TAZ-Wochenbeilage &#8220;Kontext&#8221; zum Steigbügelhalter für die Stuttgarter Kulturbügermeisterin Susanne Eisenmann, die Kreide frisst, um sich für die Wahl [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Leserbrief vom 19.07.2011 an die TAZ-Redaktion bzgl. Kontext Wochenzeitung, 15. Ausgabe, 28. Woche/ 16./17. Juli 2011<br />
&#8220;Der Bürger als Gutachter&#8221; von Susanne Eisenmann</p>
<p>Ganz abgesehen von der geschlechterungerechten Sprache (&#8220;Der Bürger&#8221;): warum macht sich die Redaktion der TAZ-Wochenbeilage &#8220;Kontext&#8221; zum Steigbügelhalter für die Stuttgarter Kulturbügermeisterin Susanne Eisenmann, die Kreide frisst, um sich für die Wahl der zukünftigen Oberbürgermeister_In im Vorfeld zu profilieren? Wenn Frau Eisenmann jetzt über partizipative Demokratie faselt, ist das schon beinahe Betrug zu nennen, denn ihr bürgermeisterliches Handeln trägt völlig andere Züge. Erinnert sei nur an ihr Schreiben im Jahr 2009 an Stuttgarter Kunst- und Kultureinrichtungen in dem sie diesen massive Kürzungen ihrer finanziellen Förderungen lapidar und kommentarlos mitteilte. Erst aufgrund der solidarischen Proteste der Kunst- und Kulturschaffenden, u.a. mittels einer eindrucksvollen &#8220;Art Parade&#8221; mit über 1000 Teilnehmer_Innen, konnten die Kürzungen wenigstens über mehrere Jahre verteilt werden. Aufgabe einer Kulturbürgermeister_In wäre es, sich für Kunst und Kultur in Politik und Gesellschaft stark zu machen. Doch davon ist bei Frau Eisenmann bis auf gelegentliche unverbindliche Äusserungen herzlich wenig zu erkennen, denn entscheidend für ihre Wahl war, wie so häufig in Stuttgart, ihr CDU-Parteibuch. Das sollte auch das Redaktions-Team von Kontext wissen, das überwiegend aus ehemaligen Redakteuren der Stuttgarter Zeitung besteht. Gerade in Stuttgart gibt es weitaus profiliertere Positionen in Kunst und Kultur, die zu interviewen es wert gewesen wäre.</p>
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		<title>Stumpf als LKA-Chef im Gespräch</title>
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		<pubDate>Wed, 02 Feb 2011 18:46:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin01</dc:creator>
				<category><![CDATA[Presse]]></category>
		<category><![CDATA[Stuttgart 21]]></category>
		<category><![CDATA[Schwarzer Donnerstag]]></category>
		<category><![CDATA[Stumpf]]></category>

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		<description><![CDATA[Markus Heffner, veröffentlicht am 02.02.2011, StZ Stuttgart &#8211; Die Diskussionen über den Stuttgarter Polizeipräsidenten Siegfried Stumpf gehen unvermindert weiter &#8211; seit Dienstag allerdings in eine überraschende neue Richtung. Denn während etwa von der Mehrheit im Stuttgarter Gemeinderat der Rücktritt des nach dem 30. September umstrittenen Polizeipräsidenten gefordert wird, ist dieser in anderen Kreisen offenbar als [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2798623_0_4693_-personaldebatte-stumpf-als-lka-chef-im-gespraech.html" target="_blank">Markus Heffner, veröffentlicht am 02.02.2011, StZ</a></p>
<p>Stuttgart &#8211; Die Diskussionen über den Stuttgarter Polizeipräsidenten  Siegfried Stumpf gehen unvermindert weiter &#8211; seit Dienstag allerdings in  eine überraschende neue Richtung. Denn während etwa von der Mehrheit im  Stuttgarter Gemeinderat der Rücktritt des nach dem 30. September  umstrittenen Polizeipräsidenten gefordert wird, ist dieser in anderen  Kreisen offenbar als neuer Präsident des Landeskriminalamtes  Baden-Württemberg (LKA) im Gespräch.<br />
<span id="more-4194"></span></p>
<p>Der bisherige LKA-Chef, Klaus Hiller, hat sich am Dienstag nach knapp  fünfjähriger Amtszeit in den Ruhestand verabschiedet. Auf Anfrage im LKA  hieß es, dass sein ständiger Vertreter, Jörg Krauss, nun vorübergehend  die Geschäfte führen werde, so der Sprecher Horst Haug.</p>
<p>Einen Nachfolger vorzuschlagen, ist Aufgabe des Innenministeriums als  oberste Polizeibehörde. Der Innenminister Heribert Rech werde innerhalb  der nächsten Tage, also zeitnah, einen Vorschlag machen, erklärte die  Ministeriumssprecherin Alice Loyson-Siemering am Dienstag. Dass der  Übergang an der Spitze des LKA nicht lückenlos erfolge, sei nichts  Ungewöhnliches. Das habe es bei anderen Positionen auch schon gegeben.</p>
<h5>Entschieden wird letztlich im Ministerrat</h5>
<p>Nach Medienberichten soll diese Verzögerung bei der Besetzung derweil  vor allem damit zu tun haben, dass in Regierungskreisen laut darüber  nachgedacht wird, <strong>Stumpf zum LKA-Chef zu machen &#8211; und ihn damit aus der  Schusslinie zu nehmen</strong>. Der Polizeipräsident hatte die Verantwortung für  den massiven Einsatz mit Wasserwerfern und Schlagstöcken im  Schlossgarten übernommen, bei dem mehr als hundert Demonstranten zum  Teil schwer verletzt wurden. Ein Untersuchungsausschuss, über dessen  Ergebnis am Mittwoch im Landtag debattiert wird, hat sich in der Folge  unter anderem mit der Frage beschäftigt, ob die kompromisslose  Vorgehensweise der Polizei an diesem Tag von höchster Stelle angeordnet  worden war und ob Politiker Einfluss genommen hatten. Zur Personalie  Stumpf und einer möglichen Beförderung zum LKA-Chef befragt, erklärte  Ministerpräsident Stefan Mappus auf der Regierungspressekonferenz am  Dienstag, dass er &#8220;zu diesem Thema nichts sagen könne&#8221;. Dementiert  wurden die Spekulationen von ihm nicht.</p>
<p>Weitere potenzielle Kandidaten für den Chefsessel in der Taubenheimer  Straße sind der Polizeiinspekteur Dieter Schneider und der  Landeskriminaldirektor Hartmut Grasmück, beide deutlich jünger als  Stumpf, der 60 Jahre alt ist. In diesem Alter wird ein LKA-Chef  üblicherweise bereits in den Ruhestand geschickt, so etwa auch im Fall  Hiller.</p>
<p>Da Siegfried Stumpf mit seinem Amtsantritt als Polizeipräsident im Mai  2006 seinen Vollzugsbeamtenstatus abgegeben hat, erreicht er die  Pensionsgrenze aber erst mit 65. Entschieden wird über den Posten  letztlich im Ministerrat, an dessen Spitze Stefan Mappus steht.</p>
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		<title>Die Wahn AG</title>
		<link>http://www.e-stuttgart.org/2011/01/die-wahn-ag/</link>
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		<pubDate>Mon, 31 Jan 2011 10:16:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin01</dc:creator>
				<category><![CDATA[Presse]]></category>
		<category><![CDATA[Überregionale Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsche Bundesbahn]]></category>

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		<description><![CDATA[Je teurer, desto lieber: Warum die Bahn sinnlose kostspielige Zugstrecken baut und die Menschen zur Verzweiflung treibt. Roland Kirbach, Die Zeit, 3.1.2011 Wie ein vergessenes Bühnenbild steht die Brücke in der Landschaft. Hoch wie eine Kathedrale und fast einen Kilometer lang, überspannt sie das Itztal bei Coburg. Hier sollen einmal ICE-Züge von Erfurt nach Nürnberg [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Je teurer, desto lieber: Warum die Bahn sinnlose kostspielige Zugstrecken baut und die Menschen zur Verzweiflung treibt.<br />
</strong><a href="http://www.zeit.de/2011/05/DOS-Deutsche-Bahn">Roland Kirbach, Die Zeit, 3.1.2011</a></p>
<p>Wie ein vergessenes Bühnenbild steht die Brücke in der Landschaft.  Hoch wie eine Kathedrale und fast einen Kilometer lang, überspannt sie  das Itztal bei Coburg. Hier sollen einmal ICE-Züge von Erfurt nach  Nürnberg rasen, auf einem neuen Abschnitt der  Hochgeschwindigkeitsstrecke Berlin–München. Und diese wird sich in die  »Eisenbahntransversale« der Europäischen Union einfügen, die irgendwann  einmal Skandinavien mit Sizilien verbinden soll.<br />
<span id="more-4163"></span>Jetzt aber stockt der große kontinentale Eisenbahntraum ausgerechnet  in der Mitte Deutschlands. Die Bauarbeiten kommen nicht voran. Die  Itztalbrücke ist zwar seit fünf Jahren fertig, 18 Millionen Euro hat sie  gekostet – aber es fehlen die Anschlussgleise. Wie amputiert steht der  Betonkoloss zwischen oberfränkischen Wäldern und Wiesen. Um Kletterer  fernzuhalten, hat die <a href="http://www.zeit.de/schlagworte/themen/Bahn">Bahn</a> die Betonpfeiler eingezäunt. Bis der erste ICE über die Brücke fahren  kann, werden noch Jahre vergehen. Und davor wird die Itztalbrücke  womöglich renoviert werden müssen, weil Spannbeton im Lauf der Jahre  porös wird. Der Bund der Steuerzahler nahm die Itztalbrücke als Beispiel  für öffentliche Geldverschwendung in sein Schwarzbuch auf. Er nennt sie  »So-da-Brücke« – weil sie nur so da in der Landschaft steht.</p>
<p>Die neue ICE-Trasse von Thüringen nach Franken markieren mehrere  So-da-Brücken. Die größte und älteste feiert in diesem Jahr ihr  zehnjähriges So-da-Jubiläum: 2001 wurde die Geratalbrücke Ichtershausen,  südlich von Erfurt, fertiggestellt. Sie misst mehr als 1100 Meter,  überquert einen Fluss, eine Autobahn und eine Kreisstraße. Mit 25  Millionen Euro kostete sie doppelt so viel wie veranschlagt. Sie hat  ebenfalls noch keine Gleise, und es fehlt die Lärmschutzwand. Auch sie  wird renoviert werden müssen, bevor der erste ICE anrollt.</p>
<p>Die gigantischen Bauten in Deutschlands Mitte sind vor allem eines:  Dokumente eines grandiosen Scheiterns. Das Hochgeschwindigkeitsprojekt  Erfurt–Nürnberg sollte ein neuer Beleg deutscher Ingenieurskunst sein,  gewaltig, prächtig, effizient. Aber die Arbeiten kommen nicht voran, die  Kosten explodieren, die Brücken warten auf Anschluss – vor allem, weil  der Bau der vielen Tunnel komplizierter als erwartet ist. Das  ICE-Projekt offenbart Absurditäten, die weit über das <a href="http://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2011-01/bahn-winterchaos-ramsauer">Winterchaos der Bahn</a> hinausreichen, das die Deutschen gerade aufregt. Sie stellen ein  Unternehmen bloß, das gerne ein Global Player wäre, sich aber tief in  der Provinz verfahren hat: die Wahn AG, einen deutschen Scheinriesen.</p>
<p>Die Vollendung einer weiteren So-da-Brücke verfolgt derzeit Bernd  Kiessling aus Langewiesen bei Ilmenau. Über einer ausgedehnten Wiese,  auf der sein Vater früher Kühe weiden ließ, wächst seit vier Jahren die  Ilmtalbrücke. In diesem Jahr soll sie fertig werden. Mit 1700 Meter  Länge wird sie die längste Brücke der ICE-Strecke sein, auch die längste  in ganz Thüringen. Mehr als 29 Millionen Euro soll sie kosten. Und dann  so da in der Landschaft stehen.</p>
<p>»Vor der technischen Leistung«, sagt Kiessling, Ingenieur von Beruf,  »ziehe ich den Hut.« Vom Sinn des Vorhabens könne ihn das aber nicht  überzeugen. Der Bau der riesigen Brücke ist kompliziert. Vor zwei Jahren  forderte er ein Todesopfer: Ein Arbeiter wurde von einer herabfallenden  Stahlarmierung erschlagen, drei weitere wurden schwer verletzt.</p>
<p>Für Kiessling verkörpert die neue Brücke nichts anderes als »die  Großmannssucht von Politikern«. Der 64-Jährige studierte an der  Technischen Universität Ilmenau Ingenieurwissenschaften, später lehrte  er dort. Nach der Wende machte er sich mit einem Betrieb für technisches  Glas selbstständig und beschäftigte 20 Angestellte. Inzwischen hat er  die Firma dem Schwiegersohn übergeben. Kiessling ist verbittert, weil  seine Familie für den Brückenschlag der Bahn zum zweiten Mal enteignet  wurde. Kurz nach der Wiedervereinigung hatte Kiessling die große Weide  zurückerhalten, die seine Eltern in der DDR an die landwirtschaftliche  Produktionsgenossenschaft abtreten mussten. Wenig später wollte die Bahn  sie ihm für 6000 Mark abkaufen. Er habe abgelehnt, sagt Kiessling.  Eines Tages habe er dann aus dem Amtsblatt erfahren, dass die Bahn »in  die Nutzung« seiner Wiese »eingetreten« sei.</p>
<h1>Sinnvoll wie die So-da-Brücken</h1>
<p>Kiessling musste seine Weide einem übergeordneten Interesse opfern,  dem »Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Schiene 8.1«. So heißt der  ICE-Streckenneubau zwischen Erfurt und Nürnberg staatstragend. Die  Verbindung ist 190 Kilometer lang. Sie besteht aus 107 Kilometer  Neubaustrecke, größtenteils auf Thüringer Gebiet, und 83 Kilometer  Ausbaustrecke, vorwiegend in Franken. 1996 wurde mit dem Bau begonnen,  2004 sollte die Trasse fertig sein. Inzwischen spricht die Bahn von  2017. Aber auch das ist illusorisch. Die Baukosten sind ins  Unermessliche gestiegen.</p>
<p>Geradlinig wie ein Laserstrahl soll sich die Trasse irgendwann einmal  durch den Thüringer Wald bohren, sie wird dort fast nur aus Kunstbauten  bestehen: Brücke, Tunnel, Brücke, Tunnel. Insgesamt 22 Tunnel und 30  Brücken. Teurer lässt sich eine Bahnstrecke nicht bauen. Auf 5,2  Milliarden Euro werden die Kosten für den Abschnitt Erfurt–Nürnberg  mittlerweile veranschlagt, zu Baubeginn waren es 3,7 Milliarden. Noch  einmal knapp drei Milliarden Euro kostet der Weiterbau von Erfurt bis  Halle und Leipzig. Von diesen insgesamt acht Milliarden Euro, die zum  größten Teil der Bund trägt, sind bis heute etwa zweieinhalb Milliarden  verbaut worden.</p>
<p>»Versunkene Baukosten« nennt der Verkehrsexperte Michael Holzhey  diese zwei Milliarden Euro und warnt davor, weitere sechs Milliarden  »gutes Geld« hinterherzuwerfen. Holzhey arbeitet für die Berliner  Beratungsfirma kcw, deren Fachgebiet der »straßen- und schienengebundene  öffentliche Verkehr« ist. Er gilt als einer der führenden Bahnkenner  des Landes. Für das Umweltbundesamt erstellte er im vergangenen Jahr das  Gutachten       <em>Schienennetz 2025/2030:</em> eine  Bestandsaufnahme der Bahn-Infrastruktur in Deutschland mit Empfehlungen,  wie sie in den nächsten 20 Jahren aus- und umgebaut werden sollte.</p>
<p>Holzhey plädiert dafür, den Neubau der Strecke Nürnberg–Erfurt sofort  abzubrechen. Obwohl schon so viel Geld ausgegeben wurde, sei das  wirtschaftlich sinnvoller, als weiterzumachen. Aber die Politiker werden  sich wohl nicht trauen, als Eingeständnis ihrer Fehlentscheidung »eine  Vielzahl von Bauruinen« in der Landschaft stehen zu lassen, sagt er.</p>
<p>Auf den ersten Blick wirkt Holzheys Kritik an der ICE-Strecke fast  ebenso seltsam wie die So-da-Brücken über Thüringer Tälern: Um zwei  Stunden wird sich die Fahrtzeit zwischen Berlin und München verringern,  auf nur noch drei Stunden und 45 Minuten. Das sei zwar ein Fortschritt,  sagt auch der Verkehrsexperte Holzhey – aber leider nicht genug, um eine  nennenswerte Anzahl von Reisenden, insbesondere Geschäftsreisenden, zum  Umsteigen vom Flugzeug auf die Bahn zu bewegen. Außerdem werde pro  Stunde nur ein einziger ICE pro Richtung auf der neuen Strecke fahren.  Die restlichen 59 Minuten bleibe die teure Investition ungenutzt.  Holzhey sagt, für die so verbauten acht Milliarden Euro könnte die Bahn  fast das gesamte deutsche Schienennetz erneuern und leistungsfähiger  machen – mit modernen Signalanlagen, neuen Gleisbetten, der  Elektrifizierung weiterer Strecken.</p>
<p>Zu Beginn der Planung versuchte die Bahn ihr Vorhaben noch damit zu  rechtfertigen, dass auch Güterzüge die Strecke nutzen würden. Doch für  den <a href="http://www.zeit.de/schlagworte/themen/G%C3%BCterverkehr">Güterverkehr</a> hat die Verbindung kaum Bedeutung: Im Frachtverkehr verlaufen die  wichtigen Nord-Süd-Routen weiter westlich über Fulda und Würzburg sowie  weiter östlich über Leipzig, Hof und Regensburg. Auf der neuen  Hochgeschwindigkeitstrasse könnten Güterzüge nur nachts fahren, wenn  keine ICEs unterwegs sind. Tagsüber würden sich beide gegenseitig  behindern, da sie unterschiedlich schnell fahren. Aus Alibigründen »wird  die Bahn vielleicht fünf Güterzüge pro Tag fahren lassen«, vermutet  Holzhey. »Aber das ist nichts, was diese Strecke rechtfertigt.«</p>
<p>Bei Heinz Schielein werden die ICEs irgendwann durch den Garten  donnern. In Altendorf bei Bamberg bewohnt  er mit seiner Frau ein  Einfamilienhaus aus den siebziger Jahren. Es ist das letzte Haus in der  Straße, dahinter beginnen die Felder. Über die Äcker werden die  Hochgeschwindigkeitszüge auf Schieleins Haus zurasen. Wo nun noch der  gemauerte Grill steht, wird eine Lärmschutzwand errichtet werden. »Aber  wenn die im Schneckentempo weiterbauen«, sagt der 70-Jährige, »werde ich  das wohl nicht mehr erleben.«</p>
<p>Sein Galgenhumor ist auch Selbstschutz: Schielein sagt, der  jahrelange Kampf gegen die Trasse habe seine Familie mürbe gemacht.  Seine Frau habe drei Bypässe bekommen, er sei an Darmkrebs erkrankt:  »Wir lagen zur selben Zeit im Krankenhaus.«</p>
<p>Schielein, der früher Personalrat bei der Telekom war, leitet seit 18  Jahren die Bürgerinitiative »Das bessere Bahnkonzept«. Anfangs trieb  ihn der Eigennutz – doch mittlerweile ist Schielein sich sicher, einem  Skandal auf der Spur zu sein: Um herauszufinden, ob sich die ICE-Strecke  nicht preiswerter bauen ließe, beauftragte seine Bürgerinitiative das  renommierte Münchner Verkehrsplanungsbüro Vieregg-Rössler mit einem  Alternativentwurf für den oberfränkischen Teil der ICE-Strecke – dort,  wo außer den So-da-Brücken noch nichts gebaut wurde. Die Planer  verlegten die Gleise neben eine Autobahn, die durch weniger zerfurchtes  Gelände führt. Und sie schlugen vor, mehr Strecken einzubeziehen, die es  schon gibt. Die Kosten allein für den fränkischen Abschnitt könnten so  von 950 Millionen auf 440 Millionen Euro gesenkt werden – ohne dass sich  die Fahrtzeit verlängerte.</p>
<h1>Benötigt die Bahn den Wahnsinn um ihrer selbst willen?</h1>
<p>Bürgermeister und Gemeinderäte begrüßten den Gegenentwurf – doch die  Bahn AG lehnte ab, mit vielen bürokratischen und wenigen inhaltlichen  Begründungen. So sei für den Alternativentwurf eine neue  Planfeststellung erforderlich. Und es sei eine neue  Umweltverträglichkeitsstudie notwendig. All das würde die Bauzeit  verlängern.</p>
<p>Karlheinz Rössler vom Planungsbüro Vieregg-Rössler hält die  Streckenführung durch den Thüringer Wald für Irrsinn. »Wenn Sie auf die  Karte schauen, sehen Sie, dass die Luftlinie von Berlin über Nürnberg  nach München ganz anders verläuft, viel weiter östlich. Sie schneidet  das Mittelgebirge an einer Stelle, wo die Höhen nicht so extrem sind.«  Dort wäre kein einziger Tunnel nötig. Eine solche Route wäre nicht nur  billiger, sondern auch schneller, denn sie wäre der direktere Weg, sagt  Rössler (<a href="http://images.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2011-01/bahnstrecken-grafik/bahnstrecken-grafik-650.jpg" target="_blank">siehe Karte</a>). »Stattdessen fährt man einen 90 Kilometer langen Umweg über Erfurt.«</p>
<p>Kann es sein, dass die Bahn absichtlich die Kosten hochtreibt, dass  sie den Wahnsinn benötigt um ihrer selbst willen? Dass sie sich  verstrickt hat in einer absurden Logik der Fehlplanung? Je teurer ein  Projekt ist, desto mehr Geld erhält die Bahn für die Planung – bis zu 17  Prozent der Gesamtkosten sind üblich.</p>
<p>Eine Strecke wird umso teurer, je gebirgiger die Landschaft ist,  durch die sie gebaut wird. »Wenn Sie sich die Schnellfahrstrecken der  Bahn ansehen«, sagt der Münchner Planer Rössler, »stellen Sie fest, dass  sie alle im Mittelgebirge liegen, nie im Flachland.« Nürnberg–Erfurt,  Köln–Frankfurt, Stuttgart–Ulm – mit Lust und Liebe plant die Bahn neue  Hochbaustrecken durch Deutschlands Mittelgebirge. Im Flachland sinken  die Honorare dramatisch, deshalb begnügt sie sich dort mit sogenannten  Ausbaustrecken. »Man feilt ein bisschen an den Kurven, sodass Tempo 200  möglich wird. Aber sobald irgendwo ein Gebirge anfängt, baut die Bahn  nicht mehr nur alte Strecken aus, sondern baut neue Strecken mit vielen  Tunneln und Brücken und legt sie gleich für Tempo 250 bis 300 aus. So  werden auch sie teuer.«</p>
<p>Das Interesse der Bahn an teuren Bauten deckt sich mit dem Streben  von Regionalpolitikern nach aufwendigen Bahnhöfen an  Hochgeschwindigkeitsstrecken. »ICE-Trassen sind für sie das  Neuschwanstein der Moderne«, sagt Michael Holzhey. Die Route  Erfurt–Nürnberg wird auch Bernhard-Vogel-Trasse genannt. Der ehemalige  Thüringer Ministerpräsident, der das Land von 1992 bis 2003 regierte,  hat den Bau leidenschaftlich verfochten und mithilfe seines Freundes  Helmut Kohl auch durchgesetzt.</p>
<p>Vogel ist inzwischen 78 Jahre alt und lebt in Speyer.  Selbstverständlich, räumt er ein, hätte man die Strecke Berlin–München  »auch direkt« bauen können, an Thüringens Hauptstadt vorbei. Doch  dagegen sei er »Sturm gelaufen«. Gegenüber den jeweiligen Bahnchefs,  Verkehrsministern und Kanzlern habe er »mit großem Nachdruck« sein  Projekt verfochten. Warum? »Weil für mich außer Frage steht, dass von  der Anbindung an diese Schnellstrecke die wirtschaftliche Zukunft  Thüringens entscheidend abhängt!«</p>
<p>Thüringen, die Mitte Deutschlands, dürfe man nicht abkoppeln, sagt  Vogel. Ja, er kenne die Gegenargumente, habe sie »in unendlich vielen  Versammlungen immer wieder gehört«: dass ein ICE-Halt in Erfurt der  Witwe aus Kleinschmalkalden nichts nütze und sie nur etwas koste. »Aber  der Wirtschaftsstandort Thüringen wird nicht international interessant  sein, wenn er nicht angeschlossen ist. Davon hängen Arbeitsplätze ab,  und davon hängt auch die Rente dieser Witwe ab!«</p>
<p>Für einen Landespolitiker ist diese Sichtweise vernünftig – doch was veranlasst die Bahn, ihm zu folgen?</p>
<p>Zum einen die Tatsache, dass sie die meisten <a href="http://www.zeit.de/wirtschaft/2010-11/ramsauer-schienenprojekte-wirtschaftlichkeit">Projekte vom Staat finanziert</a> bekommt und kein eigenes Geld vergeudet. Zum anderen hat die Bahn ein  sehr eigensinniges Motiv: Sie will weiterhin die Aufträge für den  Nahverkehr bekommen. Und zuständig dafür sind die Bundesländer. Jeder  Ministerpräsident, den sich die Bahnchefs zum Freund machen, kann sich  für neue Bahnhöfe und Brücken mit Aufträgen im Nahverkehr revanchieren.  Jedes Jahr erhalten die Bundesländer dafür rund sieben Milliarden Euro  vom Bund – Geld, das die Bahn gerne hätte. Die Länder können aber auch  einen privaten Anbieter beauftragen, sie können die Bahn leer ausgehen  lassen. Das könnte man als Erpressungspotenzial deuten. Es erklärt den  wilden Zickzack mancher langsamen Hochgeschwindigkeitsstrecke. Und es  ist der wahre Grund für die So-da-Brücken von Thüringen.</p>
<p>So wird weiter an einem vermeintlichen Zukunftsprojekt gebaut, das  viele Fachleute längst für veraltet halten. Als die Bahn Anfang der  neunziger Jahre ihre ICE-Strecken plante, war der Boom der Billigflieger  noch nicht absehbar. Inzwischen haben sie der Bahn Tausende Kunden  abgenommen. Die beiden anderen Sparten hingegen – Nah- und Güterverkehr,  denen damals der Niedergang vorausgesagt wurde – erleben heute einen  Boom: Die großen Städte legen Wert darauf, dass ihr Umland mit  Nahverkehrszügen gut angebunden ist. Und <a href="http://www.zeit.de/2010/48/Verkehrspolitik-Gueterverkehr">der Güterverkehr verzeichnet enorme Wachstumsraten</a>. Darauf ist die Bahn nicht vorbereitet.</p>
<h1>1,2 Milliarden Euro für 80 Projekte</h1>
<p>Um den Billigfluglinien Passagiere abzujagen, müssten die ICE-Züge  noch schneller werden – so wie im westlichen Ausland, wo die Faustregel  gilt: Dauert eine Bahnfahrt länger als drei Stunden, nehmen  Geschäftsreisende lieber das Flugzeug. Der ETR in Italien braucht für  die knapp 600 Kilometer von Rom nach Mailand zwei Stunden und 59  Minuten. Der spanische Renfe legt die 620 Kilometer von Madrid nach  Barcelona in zwei Stunden und 38 Minuten zurück und hat den Airlines  viele Kunden abgenommen: Allein zwischen 2007 und 2008 stieg die Zahl  der Passagiere von 2,6 auf 5,8 Millionen. Gemessen daran wirkt der ICE  Berlin–München, schon Jahre bevor er Fahrt aufnimmt, veraltet: Er wird  drei Stunden und 45 Minuten brauchen. Nähme die Strecke den vom  Architektenbüro Vieregg-Rössler vorgeschlagenen Verlauf, wären es gut  drei Stunden.</p>
<p>Die Verstrickungen von Landespolitik und Bahn AG, in die wiederum der  Staat hineinregiert, sind schwierig zu entwirren. Offiziell geht bei  der Bahn alles ganz neutral und objektiv zu, die Sprache ist behördlich  korrekt: Im Bundesverkehrswegeplan, der alle sieben bis zehn Jahre  aktualisiert wird, legt die Bundesregierung fest, in welche Strecken sie  investieren will, denn den Neu- und Ausbau finanziert fast vollständig  der Staat. Die aktuelle Liste umfasst rund 80 Projekte – ein Irrwitz  angesichts der 1,2 Milliarden Euro, die dafür zur Verfügung stehen.  Entweder müsste die Liste zusammengestrichen werden – oder die Bahn mehr  Geld erhalten.</p>
<p>Jedes Jahr legen die Haushaltspolitiker des Bundestags den Etat für  die Bahn neu fest – und jedes Jahr kommt dieselbe Summe dabei heraus:  rund 1,2 Milliarden Euro. Allein die Strecke Erfurt–Nürnberg kostet so  viel wie sieben dieser Jahresetats zusammen.</p>
<p>Wie die 1,2 Milliarden Euro auf die vielen Projekte verteilt werden,  welches Vorhaben zuerst an die Reihe kommt und welches warten muss, das  wird Jahr für Jahr hinter verschlossenen Türen ausgekungelt, in der  sogenannten Fulda-Runde. Fulda? Es liegt in der Mitte Deutschlands, ist  aus allen Richtungen leicht erreichbar – und dort halten ICEs.  Treffpunkt des eigentümlichen Zirkels ist das Haus des Deutschen  Gewerkschaftsbundes, die Räume der bisherigen Eisenbahnergewerkschaft  Transnet, die vor zwei Monaten in der Eisenbahn- und  Verkehrsgewerkschaft aufging – ebenfalls in Fulda. 500 Meter vom Bahnhof  entfernt treffen sich »Bahnvertreter mit Vertretern des  Bundesverkehrsministeriums«, sagt ein Bahnsprecher. Hier legen sie fest,  »wofür man wie viel Geld ausgeben will«.</p>
<p>Verkehrsexperten der Grünen im Bundestag wollten es kürzlich genauer  wissen. In einer Kleinen Anfrage verlangten sie Auskunft, wie in Fulda  das Geld verteilt wird. Die Bundesregierung verweigerte eine konkrete  Antwort.</p>
<p>Wenn Frank Groß über die Bahn spricht, redet er vor allem darüber,  wofür ihr nach dem Schacher von Fulda offenbar das Geld fehlt. Zum  Beispiel für Lärmschutz. Groß lebt im rheinischen Boppard, er wohnt und  arbeitet in einem großen Haus im klassizistischen Stil, 1865 erbaut,  hohe Decken, Rundbogenfenster. Hier führt er seine Werbeagentur. Aus  seinem Büro hat er einen weiten Blick auf die Altstadt, den Rhein – und  die Gleise.</p>
<p>Ständig rollen Züge vorbei und lassen Boppard beben, immer wieder  Güterzüge, aus beiden Richtungen. Die Gleise verlaufen unterhalb von  Groß’ Haus. Auf der gegenüberliegenden Rheinseite: ebenfalls Güterzüge.  Der Fluss und die Felsen zu beiden Seiten des tief eingeschnittenen  Tales reflektieren den Lärm und verstärken ihn. Dem Donnern eines Zuges  folgt dessen Echo. Diesem Echo folgt das Echo des Echos. Und dann kommt  der nächste Zug. Pausenlos.</p>
<p>Seit einigen Jahren poltern immer mehr Güterzüge an Groß’ Fenstern  vorbei, in immer kürzeren Abständen. Rund 500 Züge donnern jeden Tag  durch das Rheintal, das sind 20 pro Stunde, alle drei Minuten einer, Tag  und Nacht. Sie werden immer länger, die Pausen zwischen ihnen immer  kürzer. Nirgendwo sonst in Europa fahren mehr Züge, nirgendwo sonst ist  der Bahnlärm lauter.</p>
<p>Durch das Städtchen Boppard rollen die Güter der globalisierten Welt.  Ausgerechnet das Mittelrheintal, Unesco-Weltkulturerbe, gehört zur  »Neuen Eisenbahn-Alpentransversale«, die von Rotterdam den Rhein  entlangführt, vorbei an den Ballungszentren Rhein-Ruhr und Rhein-Main  durch die Schweiz bis nach Genua in Italien. Der Hafen Rotterdam, schon  heute einer der größten der Welt, wird in den nächsten Jahren für den  internationalen Frachtverkehr weiter ausgebaut. Die großen  Containerschiffe vor allem aus Asien sollen nicht mehr in den  Mittelmeerhäfen anlegen, die zu klein geworden sind, sondern nonstop  nach Rotterdam fahren. Von dort aus werden die Güter künftig mit der  Bahn über Europa verteilt.</p>
<h1>Konzern beugt sich der Regionalpolitik</h1>
<p>Die Holländer und Schweizer bauen dafür moderne Güterzugtrassen. In  den Niederlanden ist die Strecke seit drei Jahren fertig – teilweise  unterirdisch, um die Menschen vom Lärm zu verschonen. Auch die Schweiz  baut zügig aus, vor Kurzem wurde der Gotthard-Basistunnel durchstochen.  Nur in Deutschland geschieht, trotz großer Versprechen und feierlich  unterschriebener Verträge, fast nichts. Hier winden sich die Güterzüge  auf einem 150 Jahre alten Gleisbett durchs Rheintal.</p>
<p>Die Bahn versucht es mit »Verdichtung«, wie sie das nennt: Sie  schickt immer mehr Züge über die Strecke. Die Schweizer werden langsam  nervös. Mehrere Milliarden Franken haben sie in den Ausbau ihres  Streckenabschnittes gesteckt – das lohnt sich nur, wenn der  Güterzugverkehr von Norden zügig rollt und hohe Einnahmen bringt. »Noch  rechnet sich das gar nicht«, sagt Toni Eder, der Vizedirektor des  Schweizerischen Bundesamts für Verkehr. »Die Engpässe liegen alle auf  deutschem Gebiet. Damit sich das nicht staut, haben wir ja 1999 den  Vertrag gemacht.«</p>
<p>Es hätte eine Möglichkeit gegeben, den Güterverkehr effizienter von  Nord nach Süd durch Deutschland zu lenken und die Menschen am Rhein vom  Lärm zu verschonen. Dass es nicht so kam, liegt wieder an einem  ICE-Projekt, bei dem das Prestige wichtiger war als der Nutzen. Und  wieder spielt Bernhard Vogel eine Hauptrolle.</p>
<p>Er war nicht nur Ministerpräsident in Thüringen, sondern zuvor auch  in Rheinland-Pfalz. Damals begann die Bahn mit der Planung einer neuen  ICE-Linie von Köln nach Frankfurt am Main. Der Personenverkehr sollte  vom Rheintal weg auf eine neue Hochgeschwindigkeitsstrecke verlegt  werden. Sie kostete sechs Milliarden Euro, sieben Jahre dauerte ihr Bau,  2002 ging sie in Betrieb. Die Trasse verläuft über das Siebengebirge,  den Westerwald und den Taunus und wurde so aufwendig gebaut, wie es der  Bahn gefällt: durch 30 Tunnel und über 18 Brücken.</p>
<p>Auch damals gab es einen Alternativentwurf, der weniger aufwendig  gewesen wäre – und der, weil er weniger Steigungen enthielt, auch für  den Güterverkehr getaugt hätte. Und es war wieder der Münchner  Verkehrsplaner Karlheinz Rössler, der diese Alternative ausarbeitete.  Sein Vorschlag, erinnert er sich, »verlief etwas weiter nordöstlich,  dort ist der Westerwald flacher und nicht so zerklüftet«. Der Bau wäre  nicht nur günstiger gewesen: Nachts, wenn keine ICEs fahren, hätte die  Bahn ihre Güterzüge aus dem Rheintal auf die neue Trasse schicken  können. Die Anwohner im Rheinland hätten ihre Freude daran gehabt.</p>
<p>Aber ein Streckenverlauf nach Rösslers Plan hätte bedeutet: Die Route  führt nicht mehr durch Rheinland-Pfalz, sondern durch Hessen. »Die  Rheinstrecke von Köln nach Frankfurt war über Jahrzehnte die  dichtestbefahrene Personenzugstrecke in Europa«, sagt der damalige  Ministerpräsident Bernhard Vogel. »Als die Debatte über die neue Trasse  begann, war ganz selbstverständlich, dass wir Rheinland-Pfälzer nicht  den Verkehr durch Rheinland-Pfalz verlieren wollten. Wir wären ja  bescheuert gewesen!«</p>
<p>Vogel, der Strippenzieher, setzte sich durch: Die teurere Strecke  wurde gebaut und für Rheinland-Pfalz noch extra der Bahnhof Montabaur  errichtet – ein Städtchen mit 12.000 Einwohnern als ICE-Halt. Was den  Rheinland-Pfälzern billig war, sollte den Hessen recht sein: Sie bekamen  ebenfalls einen neuen ICE-Halt, Limburg-Süd, nur 17 Kilometer von  Montabaur entfernt. Das kommt dabei heraus, wenn sich ein Unternehmen,  das global sein will, mit Regionalpolitikern einigen muss.</p>
<p>Seit die Personenzüge fast komplett vom Rhein auf die neue  Schnellstrecke umgeleitet werden, lässt die Bahn noch mehr Güterzüge  durchs Rheintal fahren – wo genau jene Tunnel fehlen, die es an den  Bernhard-Vogel-Trassen in grotesker Menge gibt.</p>
<p>Der Werbefachmann Frank Groß in Boppard ist inzwischen zu einem  Lärmexperten wider Willen geworden: Er weiß heute, dass der Lärm ihn  nicht nur bei der Arbeit stört, sondern dass er das ganze Leben  erschüttern kann. Groß ist Gründer der <a href="https://www.pro-rheintal.de/aktuelles_links.html" target="_blank">Interessengemeinschaft »Pro Rheintal«</a>,  er schreibt Broschüren und Resolutionen, aus dem Stegreif kann er über  Schienen-Schallabsorber, Konditionierungssysteme und  Kleinstlärmschutzwände referieren.</p>
<p>In manchen Weinstädtchen am Rhein fahren die Züge so dicht an den  Häusern vorbei, dass die Wände wackeln. Fenster vibrieren, Fassaden  werden rissig, bei Tisch und am Telefon müssen die Menschen schreien.</p>
<h1>Die Pressestelle äußert sich nicht</h1>
<p>Die Güterwaggons der Bahn sind im Schnitt 40 Jahre alt. Die  Laufflächen der Räder sind rissig. Das verstärkt den Lärm zusätzlich.  Grund für die sogenannten Verriffelungen der Räder sind alte  Graugussbremsen, die bei neuen Waggons nicht mehr erlaubt sind – Bremsen  nicht aus dem letzten, sondern noch aus dem vorletzten Jahrhundert.  Experten im rheinland-pfälzischen Verkehrsministerium haben  ausgerechnet, dass eine Umrüstung zwischen 2500 und 5000 Euro pro Waggon  kosten würde. In Deutschland sind 130.000 Güterwaggons unterwegs. Sie  umzurüsten würde zwischen 325 und 650 Millionen Euro kosten. Davon will  die Bahn nichts wissen, sie kündigte an, bis zum nächsten Jahr 5000  Güterwagen leiser zu machen.</p>
<p>Der Rest des Geldes ist ja längst verbaut, in Montabaur und Limburg-Süd.</p>
<p>Die Pressestelle der Bahn äußert sich zu diesem Thema nicht. Ein  hochrangiger Bahnmitarbeiter, der nicht genannt werden will, verweist  aber auf das sogenannte Wachstumsprogramm des Konzerns. Mit  vergleichsweise wenig Geld, 2,4 Milliarden Euro, wolle der Konzern  »einzelne Maßnahmen mit großer Wirkung« ergreifen. Der Güterverkehr von  Nord- nach Süddeutschland solle auf Trassen in der Mitte des Landes  verlegt werden, die noch nicht ausgelastet seien. Können die Menschen am  Rhein also hoffen? Das Programm ist noch nicht verabschiedet. Außer den  Betroffenen bekommt vom Güterverkehr niemand etwas mit. »Die Frage ist:  Wer finanziert’s? Das Wachstumsprogramm ist so unsexy wie nur  irgendwas«, sagt der Bahninsider. »Da haben Sie nichts, wo Sie ein Band  durchschneiden können.«</p>
<p>Der Lärm richtet inzwischen großen wirtschaftlichen Schaden an. Die Häuser im Rheintal verlieren an Wert. Eine <a href="http://www.lfu.bayern.de/laerm/daten/index.htm" target="_blank">Studie des Bayerischen Landesamts für Umweltschutz</a> hat ergeben: Jedes Dezibel über 50 bedeutet 1,5 Prozent Wertminderung.  »Im Mittel« sorge die Bahn im Rheintal für 80 bis 85 Dezibel, sagt der  Anwohner Groß – der Wert jedes Hauses werde also halbiert. Auch der  Tourismus leidet. Burg Katz oder die Loreley verlieren enorm an Reiz,  wenn es unablässig rumort und rattert.</p>
<p>Im Städtchen Bacharach führt Andreas Stüber sein Rheinhotel in  sechster Generation. »Wir waren vor der Bahn da«, sagt er, als könne er  damit irgendetwas bewirken. Sein Restaurant genießt einen guten Ruf über  die Region hinaus. Das Fachwerkhaus aus dem 14. Jahrhundert ist Teil  der Stadtmauer – direkt davor verläuft die Bahnstrecke, elf Meter  entfernt. Die Zimmer zu den Gleisen hin hat Stüber auf eigene Kosten für  jeweils 20.000 Euro nachrüsten lassen: vierfach verglaste  Kastenfenster, eine zweite Wand von innen, schallgeschützte Lüftung und  Klimaanlage. Fährt ein Zug vorbei, hören seine Gäste absolut nichts  mehr, auch das Vibrieren spüren sie nicht mehr – gar nichts spüren sie.  Und das ist schon wieder unheimlich. Touristen steigen in Stübers  schalldichten Kammern kaum noch für eine Woche oder länger ab. Es kommen  nur noch Busreisegruppen, bleiben eine Nacht und fahren dann schnell  weiter. »Ich werde meiner Existenz beraubt«, sagt Stüber.</p>
<p>Ideen, wie die Situation verbessert werden könnte, gibt es viele. In  die Felsen am Rhein ließen sich kleine Tunnel sprengen, in denen die  Züge verschwinden und so Orte umfahren könnten. Für den Weinort  Rüdesheim gibt es Pläne, die Bahn unter die Erde zu verlegen – doch sie  werden nicht umgesetzt. Der rheinland-pfälzische Verkehrsminister  Hendrik Hering von der SPD fordert eine ganz neue Entlastungsstrecke und  als Zwischenlösung Lärmschutzmaßnahmen. Aber auch auf ihn geht die Bahn  nicht ein. Der Konzern weiß, dass er zu nichts verpflichtet ist.  Lärmschutzmaßnahmen muss er nur ergreifen, wenn er neu baut. Schickt die  Bahn aber mehr Züge auf ein altes Gleis, muss sie nichts tun – egal,  wie laut es wird. Bestandsschutz nennt man das.</p>
<p>Ein älterer Hotelier am Rhein, der darum bittet, seinen Namen und  auch den seines Ortes nicht zu nennen, hat sich vorigen Sommer aus  lauter Groll über den Lärm zu einer Verzweiflungstat hinreißen lassen.  Er schickte an die Bahnzentrale in Berlin eine anonyme Mail, in der er  damit drohte, den Bahnhof seines Ortes in die Luft zu jagen. Die Mail  ging am Morgen um 7.30 Uhr bei der Bahn ein, »um 8.45 Uhr sind wir  informiert worden«, sagt ein Sprecher der Bundespolizeidirektion  Koblenz. Die Polizei riegelte den Bahnhof ab, Spürhunde durchsuchten das  Gebäude, Züge standen still.</p>
<p>Dann klingelten Polizisten an der Tür des Hoteliers. Sie hatten ihn  über die IP-Nummer seines Computers ausfindig gemacht. Die  Staatsanwaltschaft hat inzwischen Anklage erhoben, wegen Vortäuschens  einer Straftat. Der Gastwirt hat sein Hotel für mehrere Monate  geschlossen. Der Lärm habe sein Gehör geschädigt und ihn depressiv  gemacht, schreibt er der       <em>ZEIT</em> in nächtlichen Mails. Über 40.000 Euro habe er in Schallschutzmaßnahmen investiert, doch die Gäste seien ausgeblieben.</p>
<p>Bis zu drei Jahre Haft drohen ihm jetzt. Sein Anwalt glaubt, dass der  verzweifelte Hotelier mit einer Geldstrafe davonkommen werde. Wenn das  Verfahren nicht ganz eingestellt wird. Beim Amtsgericht, wo der Fall  verhandelt werden wird, ist man nicht gut auf die Bahn zu sprechen. Bei  Verhandlungen müssen die Richter ständig die Fenster schließen. Wegen  des Lärms.</p>
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		<title>Heiner Geißler &#8211; wenig Mumm</title>
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		<pubDate>Fri, 03 Dec 2010 09:52:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin01</dc:creator>
				<category><![CDATA[Presse]]></category>
		<category><![CDATA[Stuttgart 21]]></category>

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		<description><![CDATA[Von Andreas Zielcke, Süddeutsche, 3.12.2010 Peinliche, dumme Arroganz: Die Stuttgarter Tafelrunde war nur der Versuch, die Ohnmächtigen mit ihrer Niederlage zu versöhnen. Heiner Geißler hatte viel Chuzpe, aber wenig Mumm. Ein schlechteres Modell demokratischer Konfliktlösung kann es kaum geben. Die Schlichtung in Stuttgart ist ein postdemokratisches Lehrstück. Heiner Geißler hat zwar die Kontrahenten durch seine [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Von                 Andreas Zielcke, <a href="http://www.sueddeutsche.de/kultur/heiner-geissler-und-stuttgart-die-lizenz-zur-vollstreckung-1.1031587" target="_blank">Süddeutsche, 3.12.2010</a></p>
<p><strong>Peinliche, dumme Arroganz: Die Stuttgarter Tafelrunde war nur der  Versuch, die Ohnmächtigen mit ihrer Niederlage zu versöhnen. Heiner  Geißler hatte viel Chuzpe, aber wenig Mumm. Ein schlechteres Modell  demokratischer Konfliktlösung kann es kaum geben.</strong></p>
<p>Die <a href="http://www.sueddeutsche.de/thema/Schlichtung">Schlichtung</a> in Stuttgart ist ein postdemokratisches Lehrstück. Heiner Geißler hat  zwar die Kontrahenten durch seine geschickte öffentliche Mediation zum  sachlichen Meinungsaustausch gebracht. Entgegen seiner Ansicht aber kann  sie mitnichten als &#8220;Modell künftiger demokratischer Praxis bei  Großprojekten&#8221; herhalten. So darf es sich nicht abspielen, wenn  Demokratie nicht noch mehr Substanz verlieren soll.<br />
<span id="more-3747"></span></p>
<p>Auf die Frage, ob dieser Typus einer öffentlichen Klärungsrunde nicht  künftig die Regel sein sollte, erwiderte Geißler, der verschmitzte  Fuchs: &#8220;Ich kann nicht überall sein!&#8221; Keiner weiß besser als er, dass  der sachliche Gang der Dinge im Stuttgarter Rathaus in erster Linie  seinem Charisma, seinem politischen Witz und seiner in Jahrzehnten  angesammelten Streiterfahrung geschuldet war.</p>
<p>Ohne ihn hätte das sehr zäh, feindselig und unergiebig über die  Bühne gehen können. Doch das ist nur ein Nebeneinwand &#8211; abgesehen  davon, dass selbst dem begnadeten Vermittler am Ende der Schneid fehlte,  den der Schlichterspruch gerade als Signal an die Zukunft so dringend  gebraucht hätte. Geißler bewies viel Chuzpe und wenig Mumm.</p>
<p>Noch nicht einmal das minimale Gebot wagte er einzuhalten, nämlich  Folgerichtigkeit: Bis zum Abschluss des Stresstests keinen Baustopp zu  verhängen, ist ein unbegreiflicher handwerklicher und ein fataler  politischer Fehler. Grotesk ist überdies sein Einwand gegen eine  Volksbefragung, die er als Schlichter ebenfalls hätte verlangen können,  ja nach der eigenen Logik hätte verlangen müssen. Sein Argument, das er  am Donnerstag auch in dieser Zeitung wiederholte (eine Befragung des  Volkes sei &#8220;völlig unverbindlich und die Bahn wäre nicht gehalten  gewesen, sich daran zu orientieren&#8221;), spricht exakt gegen sein  eigenes Schlichtungsverfahren!</p>
<h3>Sehenden Auges</h3>
<p>&#8220;Post&#8221;-demokratisch war die Schlichtung im doppelten Sinn.  Zunächst einfach deshalb, weil sie der versäumten demokratischen  Willensbildung nachgeschaltet war. Diesen seit 1994 sehenden Auges  hingenommenen Mangel, der das Projekt <a href="http://www.sueddeutsche.de/thema/Stuttgart_21">Stuttgart 21</a> auf Dauer entstellt, konnte das nachholende Geißlersche Verfahren trotz  des guten Willens aller Beteiligten nicht kaschieren, geschweige  denn heilen.</p>
<p>Gleich nach dem Ende der Schlichtung beeilten sich die  S-21-Repräsentanten von Stadt, Staat und Bahn, pathetisch  herauszustreichen, dass sich die streitenden Parteien beim Austausch der  Argumente &#8220;in Augenhöhe&#8221; gegenübergetreten seien. Interessant, wie  eifrig man diesen Eindruck erwecken möchte, so falsch, wie er doch  offenkundig ist. Der Dialog war von Anfang bis Ende eine  asymmetrische Veranstaltung.</p>
<p>Asymmetrisch darum, weil auf der einen Seite die Herrschaften  saßen, die über die Rechtstitel verfügen, um Stuttgart 21 durchzusetzen.  Jedes ihrer Argumente hatte die Lizenz zur Vollstreckung und die  gänzlich in ihrem Sinn verpflichtete öffentliche Gewalt hinter sich.</p>
<p>Mit der geballten Macht der bindenden Verträge und Beschlüsse  aller zuständigen Parlamente und Gerichte im Rücken durften sie sich  über alle Wochen der Tafelrunde sicher sein, dass die Sache nie zu ihren  Ungunsten ausgehen konnte. Das ist die Parodie auf den  herrschaftsfreien Diskurs. Man nennt es einseitige oder  unfaire Souveränität.</p>
<h3>Eiserne Macht des Rechts</h3>
<p>Auf der anderen Seite saßen die wackeren Streiter für die  Gegenseite, die sich hinter dem aus diversen Bürgergruppen  hervorgegangenen Projekt <a href="http://www.sueddeutsche.de/thema/K_21">K 21</a> versammelt. Sie schlugen sich beachtlich, nötigten der Bahn das  öffentliche Eingeständnis ab, dass K 21 &#8220;machbar&#8221; sei, und deckten grobe  verkehrliche Schwächen des bereits beschlossenen Projekts auf. Dennoch  lagen sie hoffnungslos im Hintertreffen. Niemand brauchte während der  Schlichtung ein Wort darüber zu verlieren, wie eisern die Macht des  Rechts und der schneidigen Instrumente des Rechtsstaats gegen sie stand.  Peer Steinbrücks treffliches Bild (&#8220;Die Kavallerie muss nicht  ausreiten, die Indianer müssen nur wissen, dass es sie gibt&#8221;)  illustriert auch hier den Punkt.</p>
<p>Viele haben die Stuttgarter Runde mit Schlichtungen in  Arbeitskämpfen verglichen, um stets spöttisch-resignativ festzustellen,  dass ein Kompromiss wie bei Tarifkonflikten hier nicht möglich sei &#8211;  entweder der <a href="http://www.sueddeutsche.de/thema/Bahnhof">Bahnhof</a> werde unter die Erde gelegt oder er bleibe oben. Doch der dramatische  Unterschied ist ein anderer. Beim Tarifkonflikt wird am Ende des  Verfahrens das Recht gesetzt, das dann für beide Seiten verbindlich ist,  in Stuttgart ging die Rechtsetzung voraus.</p>
<p>Darum war die Schlichtung in Wahrheit keine  Entscheidungsfindung, sondern der Versuch, die Ohnmächtigen mit dem  harten Faktum ihrer feststehenden Niederlage zu versöhnen. Sie war  therapeutisch angelegt, nicht offen. Man lieh ihnen nicht das Recht, nur  das Ohr. Offenheit hätte vorausgesetzt, dass Bahn- und Staatsvertreter  ihre S-21-Rechtstitel dem Schlichter zur Disposition stellen.</p>
<p><strong>Schlichtung und Wahrheit</strong></p>
<p>Die Folgen der Asymmetrie reichen tief. Zu verschmerzen wäre  vielleicht noch gewesen, dass auf der S-21-Seite die ganze  professionelle Kompetenz der Bahn, der von ihr finanzierten  Verkehrswissenschaft und der Planungsbehörden vertreten war, während die  K-21-Seite nur eine zwar sehr engagierte, aber über weite Strecken  schließlich doch amateurhafte Wissensaneignung aufbieten konnte. In das  S-21-Projekt sind Hunderte Millionen Euro an Planungskosten  hochspezialisierter Büros eingegangen, die beinahe 20 Jahre lang Arbeit  in das Projekt gesteckt haben. Mit solchen Ressourcen und Zeiträumen  kann natürlich keine Bürgerinitiative mitziehen.</p>
<h3>Herablassend</h3>
<p>Umso beschämender waren die häufig eingestreuten herablassenden  Urteile der S-21-Seite über das lückenhafte Planungs- und  Kalkulationsniveau von K21. So konnte die Bahn an der Gegenseite das  Fehlen ausgereifter Alternativkonzepte schmähen, die sie selbst schon  vor vielen Jahren &#8211; aus planerischen wie aus demokratischen Gründen &#8211;  hätten vorlegen müssen. Dass sich die Gegner aus einer solchen schwer  benachteiligten Lage heraus des S-21-Projekts erwehren müssen, haben  nicht sie, sondern Bahn und öffentliche Hand zu verantworten. Eine  peinliche, dumme Arroganz.</p>
<p>Das leitet über zum Grundfehler des <a href="http://www.sueddeutsche.de/thema/Schlichtung">Schlichtungsverfahrens</a>,  zum postdemokratischen Tatbestand im engeren Sinn. Die Schlichtung  gehorchte der Logik des Versäumnisses, nicht der Rationalität  demokratischer Abwägung. Kaum einer hat sich die Frage gestellt, warum  die Stuttgarter Tafel sich fast ausschließlich um den Vergleich zwischen  S21 und K21 drehte oder aber um immanente technische, geologische und  kalkulatorische Details des Tiefbahnhofs und der Tunnels. Doch das ist  eine unverantwortliche Verkürzung der Prüfung möglicher Gegeneinwände  gegen das Projekt.</p>
<p>Wäre S21 schon legitimiert, wenn K21 deutlich weniger  leistungsfähig wäre? Oder wäre S21 schon legitimiert, wenn man seine  verkehrliche Wirtschaftlichkeit nicht bestreiten könnte?  Selbstverständlich nicht. Denn in dieser engen Prüfungsperspektive  werden alle anderen demokratisch nur allzu berechtigten  Gesichtspunkte ausgeblendet.</p>
<h3>Absolut nachrangig</h3>
<p>So hätte die Öffentlichkeit zumindest darauf bestehen können, S  21 mit jenen ernsthaften Alternativen zu vergleichen, die ehemals  selbst bei den später so verstockten Planern im Spiel waren, dann aber  den parlamentarischen Gremien vorenthalten wurden. Etwa das seinerzeit  ebenfalls durchdachte Konzept, den <a href="http://www.sueddeutsche.de/thema/Kopfbahnhof">Kopfbahnhof</a> zu erhalten und nur für den überregionalen Schnellverkehr vier Gleise  in den Boden zu verlegen &#8211; sei es unter dem jetzigen Bahnhof, sei es,  womöglich viel besser, schon vorne im Tal, unter dem Rosensteinpark. Wie  auch immer, die angeblich undenkbare Kombination von oben und unten  wäre nichts anderes als die plausible Idee des heute so vielgepriesenen  Züricher Modells.</p>
<p>Vor allem aber könnte die Öffentlichkeit mit vollem Recht auch  das ganze Projekt S 21 in Frage stellen, weil man mit denselben  Milliarden viel sinnvollere, wirtschaftlichere, ökologischere  Bahnprojekte oder andere dringliche Großvorhaben verwirklichen könnte.</p>
<p><strong>Ein Witz</strong></p>
<p>Der Ausbau der Rheintaltrasse, die im Unterschied zur Schimäre einer  &#8220;Paris-Bratislava-Magistrale&#8221; der von niemandem bezweifelten  Nordsee-Mittelmeer-Tangente insbesondere für den Güterverkehr dienen  würde, wäre so ein naheliegendes und ebenfalls vielgenanntes Beispiel.  Ökologische und ökonomische Nutzenfaktoren sind berechnet und liegen,  heißt es, weit über den problematischen Werten von S21. Das wäre kein  kommunales, sondern ein baden-württembergisches und nationales, wenn  nicht internationales Argument, aber deshalb nicht  weniger durchschlagend.</p>
<p>Überhaupt hat die Abwägung mit vorrangigen Projekten des Bahn-Bedarfsplans des Bundes bei der <a href="http://www.sueddeutsche.de/thema/Schlichtung">Schlichtung</a> keine Rolle gespielt, noch nicht einmal der Umstand, dass S 21 auf  diesem offiziellen Plan gar nicht auftaucht (nur die neue Strecke über  die Alb). Warum aber sollen der Bund und die anderen Länder riesige  Summen für etwas zahlen, das sie selbst als absolut  nachrangig einstufen?</p>
<h3>Sachfremd motivierte Stillhalteabkommen?</h3>
<p>Was sind das für sachfremd motivierte, in jedem Fall aber  intransparent gebliebene Stillhalteabkommen im Hintergrund? Die  Schlichtung hat sich von vorneherein auf den kleinstmöglichen,  provinziellen Horizont zulässiger Argumente eingegrenzt, weil sie kein  Problem sachlich lösen, sondern nur einen akuten Konflikt zügig  beschwichtigen wollte.</p>
<p>Am irrationalsten aber ist, dass sich die Schlichtung nur in  Floskeln am Rande mit der kommunalen Kernfrage beschäftigt hat, die seit  den neunziger Jahren ein seltsames Schattendasein führt &#8211; die aber  eigentlich umgekehrt alle Detailfragen des Verkehrsknotens in ihren  Schatten hätte stellen müssen. Gemeint ist die Tatsache, dass der Stadt  mit dem Zuwachs von 100 Hektar faktisch eine Neugründung ihrer  Innenstadt bevorsteht. Gemessen daran sind <a href="http://www.sueddeutsche.de/thema/Bahnhof">Bahnhofsumbau</a> und Gleisführung, mögen sie auch den Auslöser darstellen, für die Zukunft der Stadt geradezu zweitrangig.</p>
<p>Nachdem die &#8220;Rahmenvereinbarung&#8221; von 1995, die seither die  bindende Grundlage des gesamten Projekts bildet, die freiwerdenden  Gleisflächen nur als Finanzierungsmittel der Bahnhofs- und Tunnelkosten  berücksichtigt hat (man räumte der Bahn sogar Mitsprache bei der  Bauplanung ein, um ihr maximale Grundstückserlöse sicherzustellen!), ist  man inzwischen zwar ein Stück weitergekommen. Immerhin ist die Stadt  jetzt Eigentümerin des Geländes. Doch gedanklich ist man noch immer  nicht darüber hinaus, sich auf den neuen Bahnhof zu fixieren &#8211; mit einem  &#8220;Immobilienprojekt&#8221; als Anhängsel.</p>
<h3>Misstrauensvotum gegen sich selbst</h3>
<p>Stadtvätern kann man kein schlechteres Armutszeugnis  ausstellen. Da erhält die Stadt die in Europa einmalige Chance, in ihrer  Mitte ein völlig neues Konzept urbanen Wohnens und Lebens zu  realisieren, ohne wie zur Zeit Haussmanns in Paris ganze Viertel  schleifen zu müssen, und was macht sie 15 Jahre lang? Sie schläft oder  starrt auf Grundstücksverwertung.</p>
<p>Keine anspruchsvolle städtebauliche Planung hat sie bisher  vorgelegt, alternative Modelle schon gar nicht. Aber berüchtigte  Projektentwickler wie ECE lud man zu Vorschlägen ein, die das Schlimmste  befürchten lassen. Jahrzehnte sind verloren. Noch heute ist zu  bezweifeln, ob die immaterielle urbane Dimension überhaupt begriffen  wurde. Da hätte die Schlichtung viel leisten können.</p>
<p>Ein letztes Indiz für den mentalen Rückstand ist die nach Ende  der Schlichtung strahlend präsentierte Idee einer Stiftung, die das  Areal zur Vermeidung von Spekulation unter ihre Fittiche nehmen soll.  Eine Stadt, deren Verwaltung von Gemeinderat und Bürgerschaft  kontrolliert wird, will die Verfügung über die neue Innenstadt einer  Stiftung unterstellen, damit &#8220;Bürger, Gemeinderäte und neutrale Dritte&#8221;  die Kontrolle haben. Das kann nur ein Witz sein. Hat je eine Stadt ein  stärkeres Misstrauensvotum gegen sich selbst formuliert?</p>
<p>Die Schlichtung hatte nur wenig Chancen, aber auch die hat sie vertan.</p>
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		<title>Schlichtung erfolgreich, Problem nicht gelöst</title>
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		<pubDate>Thu, 02 Dec 2010 09:58:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin01</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Stuttgart 21]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Kommentar von Carsten Lißmann, Die Zeit, 30.11.2010 Heiner Geißlers Schlichterspruch vertagt den Konflikt nur. Das Ergebnis stand lange fest, aller Transparenz des Verfahrens zum Trotz. Ein Kommentar Sechs Wochen lang wurde geredet. Neun Einzeltermine, jeweils acht Stunden lang. Insgesamt 69 Powerpoint-Präsentationen sind gehalten worden. Die Kontrahenten im Streit um Stuttgart 21 haben alle Argumente [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.zeit.de/politik/deutschland/2010-11/geissler-schlichterspruch-stuttgart" target="_blank">Ein Kommentar von Carsten Lißmann, Die Zeit, 30.11.2010</a></p>
<p><strong>Heiner Geißlers Schlichterspruch vertagt den Konflikt nur. Das Ergebnis  stand lange fest, aller Transparenz des Verfahrens zum Trotz. Ein  Kommentar</strong></p>
<p>Sechs Wochen lang wurde geredet. Neun Einzeltermine, jeweils acht Stunden lang. Insgesamt <a href="http://www.phoenix.de/content//334795">69 Powerpoint-Präsentationen</a> sind gehalten worden. Die Kontrahenten im Streit um Stuttgart 21 haben  alle Argumente ausgetauscht, nicht nur einmal. Doch obwohl der Ton  ziviler geworden ist: In der Sache näher gekommen sind die Parteien sich  kaum.<br />
<span id="more-3750"></span>Die entscheidende Streitfrage – Kopfbahnhof oder Tunnelstation – konnte  auch Schlichter Heiner Geißler nicht lösen, wie sollte er auch? Einen  Kompromiss finden, ohne Enttäuschte zu hinterlassen: das war von  vornherein unmöglich. Der Weg, <a href="http://www.zeit.de/politik/deutschland/2010-11/schlichter-geissler-stuttgart21-bahnhof">den der Schlichter aus dem Dilemma gewählt</a> hat, lag also nahe. Und bleibt doch unbefriedigend.</p>
<p>Die Frage, ob der neue Bahnhof wirklich so leistungsfähig ist, wie  die Deutsche Bahn AG behauptet, wird wieder in eine unbestimmte Zukunft  vertagt. Ein externes Expertenbüro soll nun mit mathematischen  Simulationen feststellen, ob Stuttgart 21 wirklich jene 30 Prozent mehr  Verkehrsleistung in Spitzenzeiten erbringt, die die Bahn errechnet  hatte.</p>
<p>Kommen die (von Projektgegnern und Befürwortern anerkannten) <a href="http://www.sma-partner.ch/" target="_blank">Schweizer Experten</a> zu dem Ergebnis, dass die geplante Kapazität nicht ausreicht, muss die  Bahn nachbessern. Ein neuntes und zehntes Gleis müsste dem  Schlichterspruch zufolge dann im Tunnel gebaut und wichtige  Zufahrtsstrecken zweigleisig ausgelegt werden. Mit anderen Worten: Die  Bahn müsste ihr bisheriges Architektur- und Gleiskonzept über den Haufen  werfen. Das würde richtig teuer.</p>
<p>Sollte im März tatsächlich eine <a href="http://www.zeit.de/politik/ausland/2010-10/interview-gruene-kretschmann">neue Regierung in den Landtag</a> einziehen, könnten diese Kostensteigerungen zum Argument für den  Ausstieg aus dem Projekt werden. An der jeweiligen Interpretation des  Schweizer Gutachtens hängen also dreistellige Millionenbeträge für die  Bahn und im Zweifel die Zukunft von Stuttgart 21. Schon jetzt ist also  abzusehen, dass der Streit weitergeht. Die <a href="http://www.zeit.de/politik/deutschland/2010-11/schlichter-geissler-stuttgart21-bahnhof">demonstrative Freude von Bahnchef Grube</a> über den Schlichterspruch könnte verfrüht sein.</p>
<p>Es stimmt, Heiner Geißler hat ein paar Detailverbesserungen  durchgesetzt: Die Bäume im Stadtgarten, wegen derer es am 30. September  zu jenen Gewaltszenen zwischen Polizei und Demonstranten gekommen war,  sollen nach Möglichkeit nicht gefällt werden. Treppenaufgänge im Bahnhof  sollen familienfreundlicher gestaltet werden. Kleinigkeiten, welche die  Bahn wohl von sich aus bis 2016 umgesetzt hätte.</p>
<p>Der wohl größte Erfolg des Schlichtungsverfahrens geht auf einen  alten Vorschlag von Ministerpräsident Stefan Mappus zurück: Die frei  werdenden Flächen des derzeitigen Gleisfeldes werden in eine Stiftung  ausgelagert, deren Stiftungszweck den Verkauf an Spekulanten und  Betreiber von Shoppingcentern verbietet. Zumindest der Vorwurf,  Stuttgart 21 sei in Wahrheit ein gigantischer Immobiliendeal, ist damit  entkräftet.</p>
<p>Nichtsdestotrotz ist der Schlichterspruch, so die Beteiligten  tatsächlich daraus lernen, eine gute Nachricht für die Demokratie. Schon  jetzt ist abzusehen, dass künftige Großprojekte in der Republik nicht  mehr ohne<a href="http://www.zeit.de/politik/deutschland/2010-10/geissler-stuttgart21-grossprojekte"> öffentliche Bürgerbeteiligung</a> angegangen werden können. Doch jenen, die monatelang vor dem  Stuttgarter Bahnhof demonstrierten und den Wasserwerfer-Einsatz am 30.  September über sich ergehen lassen mussten, hilft diese  Zukunftsprojektion wenig.</p>
<p>Der Grundmakel der Schlichtung war von Anfang an, dass der Tunnelbahnhof  nie grundlegend infrage gestellt werden konnte. Weil Verträge längst  geschlossen waren, musste das Verfahren auf transparente und bürgernahe  Weise zu einem vordefinierten Ende gebracht werden: Die Form folgte der  Funktion.</p>
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		<title>Die Stuttgarter Gegenvernunft</title>
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		<pubDate>Thu, 02 Dec 2010 08:15:36 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Presse]]></category>
		<category><![CDATA[Stuttgart 21]]></category>

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		<description><![CDATA[KOMMENTAR VON CHRISTIAN SEMLER, TAZ, 02.12.201o Die Niederlage, die die Protestbewegung gegen Stuttgart 21 durch den Schiedsspruch Heiner Geißlers erlitten hat, ist bitter. Sie kann aber nicht vergessen machen, welchen Einschnitt im politischen Leben der Bundesrepublik der Kampf für die Erhaltung des Stuttgarter Hauptbahnhofs bedeutet. Erst recht kann sie nicht die demokratische Perspektive verdunkeln, die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/die-stuttgarter-gegenvernunft/">KOMMENTAR VON CHRISTIAN SEMLER, TAZ, 02.12.201o</a></p>
<p>Die  Niederlage, die die Protestbewegung gegen Stuttgart 21 durch den  Schiedsspruch Heiner Geißlers erlitten hat, ist bitter. Sie kann aber  nicht vergessen machen, welchen Einschnitt im politischen Leben der  Bundesrepublik der Kampf für die Erhaltung des Stuttgarter Hauptbahnhofs  bedeutet. Erst recht kann sie nicht die demokratische Perspektive  verdunkeln, die sich mit diesem Kampf eröffnet.<br />
<span id="more-3774"></span></p>
<p>Was am Stuttgarter Bürgerprotest hervorsticht, ist seine geradezu  penetrante Vernünftigkeit. Vernünftig und von den Abrissexperten nicht  zu widerlegen waren die technischen, ökologischen und ästhetischen  Argumente zugunsten des bestehenden Bahnhofs. Vernünftig aber war vor  allem die Verve und Genauigkeit, mittels derer die Kritiker des Neubaus  die von den Befürwortern vorgelegten Schätzungen der Kosten  auseinandernahmen. Sie mit Gegenrechnungen konfrontierten, die das  Zahlenwerk der Bahn dem schlimmsten Vorwurf preisgaben, den man in  Stuttgart und Umgebung erheben kann: mangelnde finanzielle Seriosität.</p>
<p>Der in Stuttgart im Lager der Bahnhofserhalter  versammelte Sachverstand bestreitet den Anspruch der herrschenden  Machtelite, ihre Entscheidungen auf eine überlegene Rationalität zu  gründen und sich stets vom gemeinen Wohl leiten zu lassen. Für die  Zukunft zu arbeiten, heißt nach diesem Anspruch, Deutschlands Position  auf den internationalen Märkten  durch technologische Großprojekte zu  fördern. Erfindungsgeist und schöpferische Energie entzünden sich, so  heißt es, erst im Verfolg solche Projekte.</p>
<p>Wer ein anderes Entwicklungsmodell vorschlägt,  das sich von ökologischen und sozialen Rücksichten leiten lässt, gilt  bestenfalls als rückwärtsgewandter Romantiker, schlimmstenfalls als  Saboteur des technischen Fortschritts. All diese Argumente, die seit  Monaten die Seiten der bürgerlichen Presse bevölkern, wurden durch die  Stuttgarter Gegenvernunft zunichte gemacht &#8211; wie schon eine Generation  vorher die Argumente der Atomlobby. Auch damals ging die  Definitionsmacht der AKW-Befürworter, was technischer Fortschritt sei  und was nicht, zu Bruch.</p>
<p>Der Stuttgarter Massenprotest erhielt seine  Schubkraft nicht allein durch die Kraft der besseren Argumente. Sondern   in Stuttgart, in Gorleben und vielen anderen Orten lodert der Zorn. Es  ist nicht die Zukunftsangst, wie uns die Fetischisten der Großprojekte  weismachen wollen. Sondern die Bürger fühlen sich von allen wesentlichen  politischen und ökonomischen Entscheidungen ferngehalten.  &#8220;Bürgerausschaltung&#8221; nennt das Peter Sloterdijk mit einem glücklichen  Ausdruck. Beispiele?</p>
<p>Eine Verfassung für das geeinte Deutschland wurde abgeblockt, damit  aber auch das im Grundgesetz für den Fall der Einheit vorgesehene  Verfassungsreferendum. Die Agenda 2010 war 2002 überhaupt nicht  Gegenstand irgendeines Wahlprogramms, geschweige denn einer öffentlichen  Diskussion vor der Wahl. Über das Ziel und die in Aussicht genommene  Dauer des militärischen Einsatzes in Afghanistan gibt die Regierung  keine Auskunft. Grundlegende Entscheidungen im Rahmen der Europäischen  Gemeinschaft unterliegen nicht dem Referendum, obwohl dies &#8211; in  europäischem Rahmen &#8211; mittels einer Gesetzesänderung möglich wäre.</p>
<p>Der vorläufig letzte Akt der Selbstherrlichkeit  war die faktische Bestimmung Gorlebens als Endlager für den Atommüll.  Hier unternahm die Regierung nicht einmal mehr den Versuch einer  rationalen Begründung. Was die gegenwärtige Regierung betreibt, ist  Dialogverhinderung mittels Pseudodialogen. Wo Sachauseinandersetzungen  angezeigt wären, sieht sie nur ein &#8220;Vermittlungsproblem&#8221;.</p>
<p>Deshalb war es so wichtig, dass das Fernsehen,  normalerweise das Medium des Pseudodialogs, genauer der Sender Phoenix,  die Stuttgarter Auseinandersetzung live übertrug. Argument und  Gegenargument verhakten sich, kritische Nachfragen verhinderten die  Flucht in Gemeinplätze. Wie in einem Lehrstück wurde die Rationalität  der Neubaugegner dramatisch nachvollziehbar.</p>
<p><strong>Dialogverhinderung von oben</strong></p>
<p>Wird diese Kombination aus Vernunft und Zorn  irgendetwas zustande bringen, was die hohe Zeit des Protests überdauern,  was die &#8220;Bürgereinschaltung&#8221; in die politische Kultur Deutschlands  befördern wird?</p>
<p>Es gibt Stimmen, keineswegs nur aus dem Lager  der Rechten, die Protestbewegungen wie denen von Stuttgart jede  politische Bedeutung absprechen. Für diese Kritiker sind solche  Protestbewegungen partikular, am eigenen Nutzen orientiert und ohne  jeden Bezug auf das Gemeinwohl. Angehörige der Mittelschichten, so ihre  These, sind nur so weit zum Protest willens, wie dieser in ihrem  unmittelbaren Interesse liegt. Nach dieser Logik dürften die Grünen  nicht für die Bürgerversicherung eintreten, immerhin verstößt sie gegen  die materiellen Interessen ihrer Klientel. Tun sie aber doch &#8211; um das  Gesundheitswesen im Ganzen in Ordnung zu bringen.</p>
<p>Marx sagte zu Recht, dass sich Ideen (wie die  des Gemeinwohls) stets vor den Interessen blamieren. Aber der Anspruch  protestierender Bürger, sich in die eigenen Angelegenheiten  einzumischen, erfolgt nicht im Rahmen einer abstrakten Idee vom  engagierten Citoyen. Sondern sie entspricht der Einsicht, dass die  Politikerkaste sich zunehmend unfähig zeigt, auf vernünftige Weise  praktische Probleme zu lösen. Der Griff nach der Notbremse, von dem  Georg Seeßlen in der taz schrieb, entspricht einem vernünftigen,  interessengeleiteten Nutzenkalkül. Und er dient dem Gemeinwohl.</p>
<p>Aus dem Regierungslager tönt nun, die Mediation  von Stuttgart könne das Vorbild abgeben für die Beratung künftiger  Großprojekte. Dabei bleibt die Grundbedingung dieses Angebots, dass das  Handeln des Staates stets alternativlos ist, unangetastet.</p>
<p>Trotz der  Niederlage durch den Schiedsspruch ist hier noch nichts verloren. Wie  schon zu Zeiten der AKW- und Friedensbewegungen eröffnet sich die  Chance, den Protest zu verstetigen, sogar durch neue Organisationsformen  abzusichern. Die Zeit ist der Gründung von autonomen  Bürgerversammlungen günstig, ins Leben gerufen, um  sich über wirkliche   Alternativen zu den Projekten der Machtelite zu verständigen.</p>
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		<title>Das Labor von Stuttgart</title>
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		<pubDate>Wed, 27 Oct 2010 10:49:54 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Presse]]></category>
		<category><![CDATA[Stuttgart 21]]></category>

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		<description><![CDATA[Kommentar von Ralf Fücks, TAZ, 25.10.2010 Im Konflikt um Stuttgart 21 wird eine zentrale Frage unserer Verfassung neu verhandelt: die Spannung zwischen repräsentativer Demokratie und Bürgerprotest. &#8220;Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus&#8221;, sagt das Grundgesetz. Aber was, wenn die Staatsmacht gegen den Willen eines Großteils der Bürgerschaft steht? Der brachiale Polizeieinsatz vom 30. September war [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/das-labor-von-stuttgart" target="_blank">Kommentar von Ralf Fücks, TAZ, 25.10.2010</a></p>
<p>Im Konflikt um Stuttgart 21 wird eine zentrale  Frage unserer Verfassung neu verhandelt: die Spannung zwischen  repräsentativer Demokratie und Bürgerprotest. &#8220;Alle Staatsgewalt geht  vom Volke aus&#8221;, sagt das Grundgesetz. Aber was, wenn die Staatsmacht  gegen den Willen eines Großteils der Bürgerschaft steht?<br />
Der brachiale Polizeieinsatz vom 30.  September war ein Wendepunkt: Statt ihre Autorität gewaltsam  durchzusetzen, setzte sich die Landesregierung vollends ins Unrecht. In  einer modernen Demokratie reicht es eben nicht aus, wenn die Regierung  über eine parlamentarische Mehrheit plus Polizeihundertschaften verfügt,  um die Anerkennung ihrer Entscheidungen zu erzwingen.<br />
<span id="more-3498"></span>&#8220;Der Widerstand gegen eine demokratisch getroffene Entscheidung ist  undemokratisch&#8221; &#8211; dieses Verdikt verkürzt die Volkssouveränität darauf,  die politische Macht an gewählte Repräsentanten zu delegieren, die  fortan die alleinige Entscheidungsgewalt innehaben. Nach dieser Logik  ist demokratisch, was von gewählten Mehrheiten beschlossen wurde, basta.</p>
<p>Wir leben aber nicht mehr in einer Basta-Demokratie, den  68ern sei Dank. Die Leute nehmen die Sonntagsreden vom mündigen Bürger  ernst. Sie geben sich nicht mehr damit zufrieden, alle paar Jahre die  Inhaber der politischen Gewalt zu wählen. Wer gewählt wird, hat ein  politisches Mandat, aber keinen Blankoscheck.</p>
<p><strong>Preis der Sturheit</strong></p>
<p>Es  zeichnet eine lebendige Demokratie aus, dass Legitimation nicht nur  über Verfahren entsteht, sondern einer kritischen Öffentlichkeit  standhalten muss. Die Bürger beanspruchen inzwischen ein Vetorecht gegen  Beschlüsse der politischen Gremien.</p>
<p>Die geregelte Form dieses Vetos ist  der Volksentscheid, mit dem parlamentarische Mehrheiten ausgehebelt  werden können. Das haben wir gerade in Hamburg erlebt. Die ungeregelte  Form ist der außerparlamentarische Protest. Wenn er genügend Rückhalt in  der Gesellschaft hat, kommt die Regierung in ein Dilemma: Entweder sie  bläst rechtzeitig zum Rückzug oder sie zahlt bei der nächsten Wahl einen  hohen Preis für ihre Sturheit.</p>
<p>Die Frage, wo politisches Stehvermögen  in Arroganz umschlägt, hängt an vielen Faktoren: an der  Glaubwürdigkeit, mit denen eine Regierung ihre Sache vertritt, an der  Stichhaltigkeit ihrer Argumente und ihrer Dialogfähigkeit mit den  Kritikern. Es gibt Entscheidungen, für die eine parlamentarische  Mehrheit ihre Abwahl riskieren muss, und es gibt Situationen, bei denen  Sturheit zur Torheit wird.</p>
<p>Das ist regelmäßig der Fall, wenn eine  einmal eingeschlagene Politik durch völlig veränderte Umstände überholt  wird. So ist es der FDP mit ihrem Steuersenkungsmantra ergangen. So  geht es auch den Betreibern von Stuttgart 21, einem Projekt, das  finanziell wie verkehrspolitisch aus der Zeit gefallen ist. Wenn  vierzigtausend Menschen in Stuttgart &#8220;Lügenpack&#8221; rufen und damit die  gewählten Repräsentanten der Stadt und des Landes meinen, ist etwas faul  im Staate Dänemark.</p>
<p><strong>Arroganz der Macht</strong></p>
<p>Es  beschädigt die Demokratie, wenn sich im Volk der Eindruck verfestigt,  dass politisches Engagement gegen die Arroganz der Macht keine Chance  hat. Wenn Regierungen sich verrannt haben, zeigt sich politische  Weisheit in der Kunst des Rückzugs.</p>
<p>Der niedersächsische Ministerpräsident  Ernst Albrecht hatte das begriffen, als er den Bau einer  Wiederaufbereitungsanlage in Gorleben für &#8220;politisch nicht durchsetzbar&#8221;  erklärte. Er entschied sich dafür, den Landfrieden wiederherzustellen &#8211;  ein altertümlicher, aber hoch aktueller Begriff. Der Landfrieden kann  nämlich nicht nur von protestierenden Bürgern gebrochen werden, sondern  auch von Regierungen.</p>
<p>Die Bewegung gegen Stuttgart 21 wirkt  als Vitaminstoß für die Demokratie. Sie ermutigt, sich einzumischen,  Partei zu ergreifen, Bürgerrechte wahrzunehmen, auf die Veränderbarkeit  der Politik zu setzen. All das ist ein Gegengift zur schleichenden  Erosion der Demokratie, zur Abwendung der Bürger von den Institutionen,  zum Legitimationsverlust von Parlamenten und Regierungen.</p>
<p>Genau diese Tendenzen beschrieb der  britische Politikwissenschaftler Colin Crouch mit dem Begriff der  &#8220;Postdemokratie&#8221;: Die demokratischen Institutionen bleiben bestehen,  aber hinter den Fassaden bröckelt die Substanz, die Distanz zwischen  politischer Klasse und Gesellschaft wächst, die Demokratie wird zu einer  bloßen Formsache.</p>
<p>Die Zweifel wachsen, ob Parteien,  Parlamente und Regierungen in der Lage sind, zukunftsverantwortliche  Politik zu betreiben statt bloß auf die nächste Wahl zu schielen. Es ist  ja nicht von der Hand zu weisen, dass die Parteienkonkurrenz um  Wählerstimmen eine Tendenz erzeugt, das langfristig Notwendige auf dem  Altar kurzfristiger Vorteile zu opfern. Stimmenfang durch fahrlässige  Versprechen, Flucht in die Staatsverschuldung, populistische Demagogie  sind Gebrechen des parteipolitischen Betriebs, die wir nur allzu gut  kennen. Gleiches gilt für den Einfluss finanzstarker Lobbys auf die  Gesetzgebung.</p>
<p>Wenn staatliche Politik als  verlängerter Arm von Konzern- oder Verbandsinteressen erscheint, sät sie  Misstrauen und Verachtung.</p>
<p><strong>Legitimes Korrektiv</strong></p>
<p>Die  Zustimmung zur Demokratie ist nicht für alle Zeit garantiert. Sie muss  in jeder Generation erneuert werden. Die Republik schaut auf Stuttgart,  weil dort erprobt wird, wie das gehen kann. Der Weg führt von der  Zuschauer- zur Teilhabedemokratie.<br />
Verwaltungen  müssen lernen, Eigensinn und Sachkompetenz der Bürger nicht als  Störfaktor, sondern als produktive Kraft zu begreifen. Regierungen und  Parlamente müssen lernen, dass sie nicht immer das letzte Wort haben.  Man muss nur das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland beim Wort  nehmen: Das Volk übt seine souveräne politische Macht in Wahlen und  Abstimmungen aus. In Bürgerentscheiden und Volksabstimmungen liegt  gewiss keine höhere Weisheit. Aber sie sind ein legitimes Korrektiv,  wenn sich die Mehrheit der Bevölkerung in der Politik ihrer  Repräsentanten nicht mehr wiederfindet. Und sie können den Weg aus einer  politischen Sackgasse weisen &#8211; wie jetzt in Baden-Württemberg.</p>
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		<title>Stuttgart rebelliert gegen die Spekulation</title>
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		<pubDate>Wed, 06 Oct 2010 18:20:16 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Internationale Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Presse]]></category>
		<category><![CDATA[Stuttgart 21]]></category>

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		<description><![CDATA[La Vanguardia (Spanien), 6.10.2010]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>La Vanguardia (Spanien), 6.10.2010</p>
<p><a href="http://www.e-stuttgart.org/wp-content/uploads/2010/10/IMG_20101006_100253.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-3167" title="IMG_20101006_100253" src="http://www.e-stuttgart.org/wp-content/uploads/2010/10/IMG_20101006_100253-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a></p>
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		<title>Nur noch Utopien sind realistisch</title>
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		<pubDate>Wed, 06 Oct 2010 18:15:41 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Stuttgart 21]]></category>

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		<description><![CDATA[Von Martin Lejeune, Neues Dutschland, 6.10.2010 Der Sozialphilosoph Oskar Negt sollte in Berlin über Öffentlichkeit und Demokratie sprechen. Daraus wurde ein leidenschaftliches Plädoyer für demokratische Öffentlichkeit Mitten in seinem Vortrag wird Oskar Negt jäh unterbrochen. Gerade eben hat der Soziologe beim Kongress »Demokratie und Öffentlichkeit« vergangenes Wochenende in Berlin von der betriebswirtschaftlichen Mentalität gesprochen, die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Von Martin Lejeune, Neues Dutschland, 6.10.2010<br />
</strong>Der Sozialphilosoph Oskar Negt sollte in Berlin über Öffentlichkeit und Demokratie sprechen. Daraus wurde ein leidenschaftliches Plädoyer für demokratische Öffentlichkeit</p>
<p>Mitten in seinem Vortrag wird Oskar Negt jäh unterbrochen. Gerade eben hat der Soziologe beim Kongress »Demokratie und Öffentlichkeit« vergangenes Wochenende in Berlin von der betriebswirtschaftlichen Mentalität gesprochen, die sich »überall hineinfrisst in die Opernhäuser, Schauspielhäuser und Schulen«, da ruft eine Frau dazwischen: »Kann nicht endlich auch mal von Zivilgesellschaft gesprochen werden?«<br />
<span id="more-3161"></span><br />
Negt spricht weiter, doch die Frau lässt nicht locker, trotz der Saalordner, die mittlerweile unruhig werden. Kaum werde Protest artikuliert, werde man auch schon zum Schweigen gebracht, ruft die etwa 50-jährige Frau erneut dazwischen. Schließlich wird es Negt zu bunt. »Sie unterbrechen mich andauernd, so dass ich meinen Faden verliere.« Demokratische Öffentlichkeit könne aber nur funktionieren, wenn man den anderen ausreden lasse. Das Publikum lacht, doch die Frau gibt nicht auf. »Ich bin die proletarische, Sie inzwischen die bürgerliche Öffentlichkeit!« Das Publikum lacht nicht mehr.</p>
<p>In der Tat erlebt diese Republik in diesen Tagen einen Paradigmenwechsel. Es ist die bürgerliche Öffentlichkeit in den urbanen Zentren, die sich immer vehementer gegen ihre eigenen politischen Vertreter wendet – und damit eine neue Klammer gesellschaftlichen Widerstandes bildet. Der Protest gegen den Neubau des Hauptbahnhofes in Stuttgart etwa habe längst das Schichtspezifische verloren, betont denn auch Oskar Negt in seiner Rede. Negt sieht in dem Aufstand der Bürgerlichen im Ländle die plötzliche »Reaktivierung menschlicher Maße, und zwar nicht nur bei den unmittelbar Betroffenen, die verschiedene Interessen mit dem Projekt verknüpft haben, sondern bei diversem bürgerlich-wohlanständig und im Protest vereinigten Klientel, bis hin zum adrett gekleideten Anwalt mit Krawatte, der plötzlich mit der Trillerpfeife im Mund zum Bauzaun marschiert.«</p>
<p>An der Neubaustrecke nach Ulm, die Milliarden von Euro koste, nur damit man Dank dieser acht oder zehn Minuten betriebswirtschaftlicher Einsparung schneller durch die Peripherie hindurchrauschen könne, so Negt, werde die Abkoppelung der Verkehrssysteme von den Bedürfnissen der Menschen deutlich. Die Neubaustrecke, eine weitere Erscheinung des Unterschiedes zwischen Peripherie und Zentrums. »Diese Form des Kapitalismus organisiert die Zentren und lässt die Peripherien veröden. Wir haben in Frankreich die Proteste in den Vororten der großen Städte, den sogenannten Banlieues als Zeichen dafür, dass es ab einem bestimmten Zeitpunkt überhaupt nichts mehr nutzt, die Peripherie zu unterstützen, weil es zu spät ist.« Doch statt dem massiven Ärzte- und Lehrermangel in ostdeutschen Landregionen Abhilfe zu verschaffen, würden Phantasiebeträge dafür verwendet, in die Verbindung zwischen zwei Zentren mehr Geschwindigkeit zu bringen.</p>
<p>Auch andere Redner auf dem Kongress äußerten sich zu Stuttgart 21. »Ein vitales Gemeinwesen ist auf Emphase angewiesen, nicht nur auf die Pflichterfüllung von Wahlrechten«, forderte Michael Bürsch vom Centrum für Corporate Citizenship Deutschland (CCCD), das Unternehmen auf dem Weg in die Bürgergesellschaft begleitet, und zitiert Max Frisch: »Demokratie heißt Einmischung in die eigenen Angelegenheiten.« Und wenn es einmal eine Emphase zur Einmischung gebe, wie bei dem Protest gegen Stuttgart 21, könne diese auch nicht mehr durch »Polizeigewalt niedergeknüppelt« werden. Alle diejenigen, die in und um Stuttgart etwas zu sagen hätten, sollten der neuen Qualität von Einmischung nicht mit den Mitteln des Gewaltmonopols des Staates antworten. Für Bürsch braucht Demokratie nicht nur Öffentlichkeit, sondern auch eine intakte Bürgergesellschaft. Bürgergesellschaft beschreibe ein Gemeinwesen, in dem die Bürger durch das Engagement in selbst organisierten Vereinigungen und durch die Nutzung von Beteiligungsmöglichkeiten die Geschicke des Gemeinwesens deutlich bestimmen können. Der freiheitliche Staat, so Bürsch, lebe von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren oder schaffen könne. Demokratische Tugenden wie Toleranz, Fairness oder Gewaltfreiheit könnten nicht staatlich erzwungen werden, weshalb es einem starken zivilgesellschaftlichen Engagement bedürfe.</p>
<p>Auf die neue Qualität und Widersprüche bürgerlicher (Gegen-) Öffentlichkeit machte wiederum Oskar Negt aufmerksam. Es sei heute nicht mehr so, dass man für alle Bereiche einen Enthüllungsjournalisten wie Günter Wallraff benötige, sondern das Fatale dieser Zeit sei vielmehr, »dass zu viele Informationen auf uns zu kommen und es immer mehr auf die Verarbeitungsform dieser Informationen ankommt«. Negt spielte damit darauf an, dass Informationssammlungen wie die Internet-Plattform Wikileaks zwar von jedermann öffentlich einsehbar sind, sich am Beispiel des von Wikileaks zugänglich gemachten Materials über den Afghanistan-Krieg aber auch die Grenzen dieser neuen Öffentlichkeit zeigen. Die rund 92 000 Dokumente seien wegen ihrer Komplexität und Datenfülle für den durchschnittlichen Medienrezipienten nicht mehr zu verarbeiten, kritisierte Negt.</p>
<p>Das gewaltige Kongress-Thema »Demokratie und Öffentlichkeit« ging Negt mit philosophischen Fragestellungen an wie z. B.: Was ist eigentlich Wirklichkeit? »Ist es Wirklichkeit, wenn man 750 Milliarden Euro als irgendeine Garantiegröße erwähnt?«, fragte Negt in Anspielung auf das spektakuläre Rettungspaket der EU und des Internationalen Währungsfonds von Mai dieses Jahres. Die Zusagen in Höhe des doppelten Staatshaushaltes der BRD seien bloße Phantasie. Man gehe heute mit Milliarden um wie noch vor wenigen Jahren mit Millionen. »Verdreht sich da nicht etwas, ist das, was Wirklichkeit ist, zur Phantasie geworden?«, fragte Negt weiter.</p>
<p>Auch bei anderen Themen entferne sich die Politik zunehmend von der Wirklichkeit. Wenn z. B. der niedersächsische Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) mitteile, dass die Fässer mit Atommüll rund 500 Jahre im Salzstock bei Gorleben verbleiben sollen, dann ist dies für Negt eine mehr als anmaßende Äußerung in Anbetracht der Verrottung von Fässern bereits nach 20 Jahren, die Wissenschaftler in der Schachtanlage Asse, einem Forschungsprojekt zur Lagerung radioaktiver Abfälle, unlängst festgestellt haben. Wenn jemand trotz der Erkenntnisse aus Asse ein Versprechen in dieser Größenordnung abgebe, dass die Fässer in Gorleben 500 Jahre haltbar seien, dann habe das Fiktive in den politischen Äußerungen einen Grad angenommen, dass man sagen könne: »Eigentlich sind nur noch die Utopien realistisch.«</p>
<p>Besonders hellhörig wurden die rund 600 Kongressbesucher, als Negt die Tiraden Guido Westerwelles (FDP) gegen Langzeitarbeitslose kommentierte – mit dem pointierten Satz: »Es gibt mehr Dekadente unter den Hotelbesitzern als unter den Hartz IV-Empfängern.« Das Wort von der Dämmerung, das Max Weber benutzt, die Beschreibung des antiken Untergangs, spiele jedoch tatsächlich gegenwärtig eine Rolle. »Ich glaube«, so Negt, »dass wir in einer Zeit leben, in der die wirtschaftlichen Konjunkturen und Rezessionen nicht so entscheidend sind dafür, dass die Lebensverhältnisse sich entfernen vom dem, was wir unter Demokratie und politischer Öffentlichkeit verstehen. Ich glaube, dass wir in einer Welt leben, in der alte Normen, Institutionen und Erwartungen, Haltungen nicht mehr unbesehen gelten und neue noch nicht da sind, aber intensiv gesucht werden. Wir haben ein Vakuum, aus dem wir raus müssen.«</p>
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		<title>Mappus&#8217; Schlachtplan führt ins Chaos</title>
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		<pubDate>Mon, 04 Oct 2010 17:15:52 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Presse]]></category>
		<category><![CDATA[Stuttgart 21]]></category>

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		<description><![CDATA[Andreas Müller , Stuttgarter Zeitung, 04.10.2010 Stuttgart &#8211; Heribert Rech musste sich wenigstens nicht selbst dementieren. &#8220;Der Innenminister schließt einen Rücktritt aus&#8221;, ließ er über eine Sprecherin erklären. Ganz anders hatte er noch wenige Stunden zuvor im Radio geklungen. Wenn die Polizei beim Einsatz im Schlossgarten überzogen habe, müsse das Folgen haben: &#8220;Da scheue ich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div><a href="http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2654641_0_4413_-ministerpraesident-in-bedraengnis-mappus-schlachtplan-fuehrt-ins-chaos.html?_skip=0">Andreas Müller , Stuttgarter Zeitung, 04.10.2010</a></p>
<p>Stuttgart &#8211; Heribert Rech musste sich wenigstens nicht selbst dementieren. &#8220;Der Innenminister schließt einen Rücktritt aus&#8221;, ließ er über eine Sprecherin erklären. Ganz anders hatte er noch wenige Stunden zuvor im Radio geklungen. Wenn die Polizei beim Einsatz im Schlossgarten überzogen habe, müsse das Folgen haben: &#8220;Da scheue ich mich persönlich vor keinerlei Konsequenzen, auch wenn ich den Einsatz von Wasserwerfern nicht angeordnete habe.&#8221;<br />
<span id="more-3115"></span>Der Sinneswandel kam offenkundig durch Nachhilfe von Stefan Mappus zustande. Höchst ungehalten soll der schwer in Bedrängnis geratene Ministerpräsident über Rechs selbstkritische Töne gewesen sein. Bisher lautete die Devise schließlich, die Polizei habe keine Fehler gemacht, als sie Wasserwerfer und Pfefferspray sogar gegen Schüler einsetzte. Wenn der in der CDU überaus beliebte Innenminister stürzen würde, das weiß Mappus, stünde niemand mehr schützend vor ihm. Dann wäre er selbst dran. &#8220;Mappus weg, Mappus weg&#8221;, skandierten Tausende am Freitag Abend in der Innenstadt &#8211; nicht &#8220;Rech weg&#8221;.</p>
<p>Die Reihen müssen fest geschlossen werden, niemand darf mehr ausscheren &#8211; das war die Hauptdevise des hektischen Krisenmanagements, das nach den bundesweit mit Bestürzung aufgenommenen Bildern aus dem Stuttgarter Schlossgarten einsetzte. Selbst ein paar bekümmerte Sätze, die Oberbürgermeister Wolfgang Schuster vor den Kameras sprach, gingen Mappus schon zu weit: Der Stadtchef wurde umgehend eingenordet. Auch sonst durchaus auskunftsfreudige CDU-Strategen wagen sich derzeit nicht aus der Deckung. Die Lage sei für Mappus derart prekär, dass jede Zweifel auch nur andeutende Wortmeldung zu viel wäre. Jetzt gehe es nicht nur darum, ob man mit ihm noch die Wahl gewinnen könne, sondern schlimmstenfalls darum, ob er den Wahltermin noch im Amt erreiche.</p>
<h5>Ob der Einsatz wirklich verhältnismäßig war, ist die Kernfrage</h5>
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<div>Bei ihrem Spitzentreffen am Samstag waren sich die Koalitionäre von CDU und FDP zumindest in einem einig: Ein Baustopp oder gar ein Abrücken von Stuttgart 21 komme nicht in Frage, da dürfe niemand wackeln. Höchst schonend versuchten die Liberalen um Birgit Homburger, Mappus für ihre Idee eines Mediationsverfahrens zu gewinnen; nur ein professioneller Schlichter könne die starren Fronten aufbrechen. Nun gelte es alles zu tun, um die Lage wieder zu deeskalieren, befand die Runde einhellig.</div>
<div>Dagegen herrschte weiterhin Ratlosigkeit, was man den &#8220;verheerenden&#8221; Bildern vom vorigen Donnerstag entgegensetzen soll. Ungeduldig warten Mappus und Rech auf Polizeiaufnahmen, die die angeblich massiven Aggressionen gegen Beamte dokumentieren sollen. Doch die Auswertung zieht sich hin. Von Gewaltszenen, die den massiven Einsatz der Staatsgewalt rechtfertigen könnten, ist bis jetzt nichts bekannt. Hundertfach werden im Internet derweil die Videos angeklickt, auf denen Demonstranten zu sehen sind, die den Wasserwerfern mit Sprechchören begegnen. &#8220;Wir sind friedlich, was seid ihr?&#8221;, skandieren sie immer wieder in Richtung der Polizisten.</p>
<p>Ob der Einsatz wirklich verhältnismäßig war, dürfte die Kernfrage sein, wenn diese Woche im Landtag die Aufarbeitung beginnt &#8211; morgen mit einer Sondersitzung des Innenausschusses, am Mittwoch und Donnerstag mit gewiss hitzigen Debatten im Plenum. Am Ende, befürchten CDU-Strategen, könnte ein Untersuchungsausschuss stehen, der die Erinnerung an den schwarzen Tag im Schlossgarten monatelang wachhält. Aufzuklären gäbe es einiges &#8211; zum Beispiel, wie frei der als mögliches Bauernopfer gehandelte Stuttgarter Polizeipräsident Siegfried Stumpf in seinen Entscheidungen wirklich war. Nicht allzu sehr, vermuten Eingeweihte: Stumpf habe sich ständig &#8220;nach oben&#8221; absichern müssen. In den Reihen der Ordnungshüter erntet der Polizeiwissenschaftler Thomas Feltes hinter vorgehaltener Hand Zuspruch für seine in der StZ vertretene These, die Eskalation sei kalkuliert herbeigeführt worden: &#8220;Man hat das Gefühl, die Politik wollte diesen Konflikt.&#8221;</p>
<p>So, wie er letztlich aus dem Ruder lief, wollte ihn gewiss niemand. Zu fatal ist die Wirkung der Bilder auch für Stefan Mappus. Bisher war er bundesweit nur durch seine Verbalattacken gegen Umweltminister Norbert Röttgen aufgefallen. Nun kennt ihn die Fernsehnation schlagartig als den &#8220;Landesvater&#8221;, der gegen seine ungezogenen Landeskinder &#8211; teils sogar buchstäblich Kinder &#8211; Wasserwerfer und Pfefferspray einsetzen lässt. Der &#8220;Rambo&#8221;-Vorwurf des Stuttgarter Stadtdekans Michael Brock, über den sich Mappus gerade erst beim Bischof beschwert hatte, verbindet sich jetzt fast automatisch mit seinem Politikstil. &#8220;Rambo zeigt sein Gesicht&#8221;, stand am Tag danach auf dem größten Transparent der Demonstranten.</p>
<h5>Der Strategiewechsel erfolgte im September</h5>
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<div>Ein solches Eigentor hatte der Premier natürlich nicht geplant. Doch hinter seiner harten Linie steckt fraglos eine Strategie, die indes erst in den vergangenen Wochen entstand. Noch vor der Sommerpause wirkte Mappus unsicher, wie er mit &#8220;Stuttgart 21&#8243; umgehen sollte. Sein gewiss mit Bedacht formulierter Satz, er wolle das Projekt &#8220;nicht um jeden Preis&#8221;, nährte bei den Gegnern sogar Hoffnungen auf einen Ausstieg. Noch im August bangten führende Christdemokraten, ob ihr Vormann wirklich zu Stuttgart 21 stehe; wenn ja, müsse er allmählich Flagge zeigen.</div>
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<div>Der Strategiewechsel erfolgte im September, offensichtlich abgestimmt mit der Kanzlerin. Während Angela Merkel die Landtagswahl zur &#8220;Volksabstimmung&#8221; auch über Stuttgart 21 ausrief, änderte Mappus die Tonlage. Nun war plötzlich von einem erheblichen Anteil von &#8220;Berufsdemonstranten&#8221; die Rede, und auch besonnene CDU-Leute wie der Fraktionschef Peter Hauk rüsteten verbal auf.</p>
<p>Er habe kein Thema für die Wahl, war Mappus oft vorgehalten worden. Jetzt habe er eines, triumphierte er intern: Stuttgart 21. Die Stammwähler werde es mobilisieren, so sein Kalkül, wenn er das Zukunftsprojekt unbeeindruckt von den Massenprotesten durchsetze. Sie hätten für den Widerstand ohnehin wenig Verständnis &#8211; je weiter weg von der Hauptstadt, desto weniger. Eine wichtige Rolle bei dem Sinneswandel wird auch Mappus&#8217; neuem Medienberater Dirk Metz zugeschrieben. Der Intimus des hessischen Expremiers Roland Koch gilt schließlich als &#8220;Mann fürs Grobe&#8221;. Kaum ist er im bisher friedlichen Südwesten tätig, herrschen auch hier &#8220;hessische Verhältnisse&#8221; &#8211; mit Bildern wie von der Startbahn West.</p>
<p>Mappus&#8217; Kalkül wurde durch die Szenen aus dem Schlossgarten jedenfalls erst einmal durchkreuzt. Die CDU fährt gegen ihre eigenen Anhänger die Wasserwerfer auf &#8211; dieser Eindruck blieb auch fern der Landeshauptstadt hängen. Mehr als die Rechtfertigungsversuche des Premiers im &#8220;Heute-Journal&#8221; könnte viele Zuschauer das vorausgehende Porträt einer tief verunsicherten CDU-Stammwählerin beeindruckt haben. Ihr Vertrauen in die Politik, gestand die aus einer Unternehmerfamilie stammende ältere Stuttgarterin, die mit tränenfeuchten Augen vor abgesägten Bäumen gezeigt wurde, sei vielleicht &#8220;ein bisschen naiv&#8221; gewesen.</p></div>
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